Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 615 - 616

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Die russischen Judenmorde
Date
1905-10-01
Page
Seite 615 - 616 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583941-2592706--05527-2592816
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

(.15 Franz Oppenheimer: Die russischen Judenmorde. 616 Vollkommenheit., und hier Unrecht in aller Vollkommenheit. Das sahen und begriffen die gequälten Russen und die noch viel mehr gequälten Juden, und da vollzog sich in ihnen, langsam reifend, das Gotteswunder der Erwekkung, und Mandelstamm und Silberfarb, die hosenverkaufenden Jünglinge, wurden Helden! Das Lamm wurde zum Leuen! Sie hörten den Ruf des Ewigen, dass die Zeit erfüllet sei, und der grosse Kampf begann. In diesem gewaltigen Kampfe des Gedankens gegen die Gewalt, des heldischen Opfermuts gegen die mit Kanonen und Galgen bewaffnete, durch Herkommen und Priestertum geheiligte Despotie standen und stehen Juden in der ersten Reihe. Wie kommt das? Nun, zuerst, weil sie schwerer, viel schwerer litten, als die rechtgläubigen Russen. Der zermalmende Druck, der auf den rechtgläubigen Russen lastete, war immerhin noch federleicht gegen die Berglast, die auf die unglücklichen Juden Russlands gehäuft wurde. Wenn Stahl in dem Volke war, musste hier zuerst der Gegendruck sich fühlbar machen. Und es war Stahl in ihnen! Das hat sich herrlich gezeigt. Ein Herrenvolk waren die Juden von anbeginn, ein Herrenvolk wie alle Hirten es sind, von jeder Sprache, Rasse und Farbe, ein Volk Freier und Gleicher. Ein Herrenvolk Freier und Gleicher blieben sie auch noch als landsässige Bauern: niemals erkannten sie, auch als Besiegte nicht, eine fremde Macht oder heimische Gewalthaber in ihrem Gefühl als ihre Herren an; und selbst durch zwei Jahrtausende harten Exils hat ihre herrliche Ueberlieferung, haben namentlich die Donnerwortc ihrer Propheten das Herrenbewusstsein in ihnen lebendig erhalten, durch alle Schmach und Verachtung hindurch, wie ihre Sehnsucht und ihre Religion, als unzerstörbaren Besitz. Ein adlig Volk waren die Ahnen, und adlig ist, was heute noch zum Judentum steht. Denn Adel heisst doch wohl nichts anderes als Abstammung von Edeln? Und jeder, der heute noch Jude heisst, darf, ohne nachzusinnen, von allen seinen unbekannten Vorfahren rühmen, dass sie Edle waren: hätte auch nur ein einziger sich ungerechter Gewalt gebeugt; hätte auch nur ein einziger von ihnen allen für Freiheit und W o h 1 s t a n d , für Rang und Titel, für Ehre un,d Auf na hme in den Bund der Gastvölker seine Ueberzeugung geopfert, so wäre ihr Enkel nicht mehr J u d e. So ist der Name: Jude heute der verbriefteste, älteste Adelstitel der Welt! Kein einziger unserer Hasser und Verächter kann sich mit Sicherheit rühmen, dass unter seinen Vorfahren nicht ein abtrünniger, und das heisst in fast allen Fällen feiger, unedler Jude gewesen ist und ihm das verhasste Blut nicht mit seiner unedlen Feigheit und Schwäche vererbt hat. Nur wir sind unserer Ahnen sicher, der „stummen Helden", wie der Dichter sagt, die durch zwei Jahrtausende stärker waren als das grausamste Schicksal, der Kämpfer, der Dulder, der Bezwinger. Und mögen sie tausendmal hosenverkaufende Jünglinge gewesen sein; und mag der Gedanke, für den sie duldeten und litten, noch so wunderliche Formen angenommen haben: sie taten alle, ohne eine einzige Ausnahme, was des Edlen einziges Kennzeichen ist: sie dienten, sie opferten sich selbst einem Gedanken. Und darum sind wir, ihre Enkel, adlig und stolz auf unseren Adel! . Diesen Adel beweisen jetzt unsere Brüder in Russland. Der edle Stahl, so übermässig gebogen, er brach nicht, sondern er schnellte zurück. Mandelstamm und Silberfarb forderten den Goliath zum Zweikampfe, und Gott gab ihnen Kraft zu siegen. Nur durch seine Kreatur wirkt der Herr seine Wunder. Der tolle Uebermut der Verbrecher, die Russland beherrschten, ihre unersättliche Raffgier, die immer weiter über die Grenzen griff, um immer neue Länder ausrauben zu können, musste zuletzt das Reich mit einem übermächtigen Gegner in einen aussichtslosen Krieg verwickeln. Der Krieg im fernen Osten brach aus, und nun vollzog sich die Prophezeiung der Schrift. Die Sünden suchten sich heim am dritten und vierten Geschlecht, der mit Unrecht gemörtelte, auf Unheil gegründete Riesenbau brach haltlos in sich zusammen. Das Morgenrot der Freiheit leuchtete im Osten empor, und keine Macht der Welt wird den Aufstieg ihrer Sonne mehr hindern können. „Ihr alle, mein' ich, habt gehört von jenem seltnen Eispalast! Auf der gefrornen Newaflut auf starrte der gefrorne Glast. Also, bis in den März hinein war seine Herrlichkeit zu schaun. Doch — auch in Russland kommt der Lenz, und auch der Newa Blöcke taun! Hui, wie beim ersten Sturm aus Süd der ganze schimmernde Koloss Flohl in sich selbst zusammensank, und Häuptlings in die Fluten schoss." Ihr aber wollt verschlungen sein! Dasteht ihr und kapituliert Lang erst mit jeder Scholle noch, ob sie — von neuem nicht gefriert! LTmsonst, ihr Herrn, kein Flalten mehr! Ihr sprecht den Lenz zum Winter nicht. Und hat das Eis einmal gekracht, so glaubt mir, dass es bald auch bricht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.