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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 613 - 614

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Die russischen Judenmorde
Date
1905-10-01
Page
Seite 613 - 614 (sequence 2)
Language
German
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öl 3 Franz Oppenheim r: Die russischer! Judenmorde. 614 Verbrecher, hochgeborener Schurken, betresster Schufte, versoffener Pfaffen und ihrer Kreaturen, ihrer Diener, Parasiten und Dirnen! Das Mark des Landes verprasst, seine Reichtumsquellen verschüttet, der Acker ausgesogen, Hunderttausende langsam Hungers sterbend — war das noch nicht Leidens genug? Einhundertundvierzig Millionen Menschen abgesperrt von allem Wissen und Können unserer reichen Zeit, unter den Buschmann hinabgewürdigt, in Dummheit, Dumpfheit, Bestialität und rohen Aberglauben mit listiger Gewalt hinabgedrückt: ein geistiger Jammer, noch ärger als die wirtschaftliche Not — gab das immer noch nicht das Recht, „in die Sterne zu greifen"? War das immer noch die „von Gott gesetzte Obrigkeit", der derbrave Staatsbürger Gehorsam schuldet, diese käuflichen Beamten, diese jobbernden Grossfürsten, diese vertierten Spieler, Hurer und Säufer, oder war es eine vom Teufel eingesetzte Obrigkeit, deren man sich erwehren darf in guter Notwehr wie eines gewöhnlichen Strassenräubers, der doch wenigstens seinen Hals aufs Spiel setzt, wenn er sein Gewerbe betreibt? WTisst ihr, was es bedeutet, kein Recht zu haben, kein Recht finden zu können? Wisst ihr, was es heisst, schutzlos der Willkür ausgeliefert zu sein mit Leib und Gut? Dem ersten Schurken verfallen zu sein, der euch für ein paar Silberlinge verkauft? Jeden Augenblick von Gefängnis, Verbannung und Galgen bedroht zu sein, ohne Grund, nur weil ihr zu arm seid, um euren Bezirksbeamten zu kaufen, oder zu reich, um dem Neide mächtiger Schufte zu entgehen, oder weil ihr eine schöne Frau oder eine liebe Tochter habt, auf die ein hochmögender Wüstling Appetit hat? Wisst ihr, was in eines Bruders Seele vorgeht, wenn seine reine Schwester die rote Karte der Kontrollmädchennehmen muss, nur um der Ausweisung zu entgehen, die sie trifft, weil sie Jüdin ist? Und die dann doch ausgewiesen wird, „v/eil. sie ihr Gewerbe nicht ausübt?" O ihr polizeifrommen Bürger! Ihr seid so bibelfest und gottesfürchtig: aber was Arnos und Jeremias donnerten gegen Rechtbrecher und falsche Richter, gegen die Räuber der Waisen un,d Witwen und gegen die Hochmögenden, die Landgut an Landgut reihen, bis kein Platz mehr ist im Lande, das überseht ihr, wenn ihr das heilige Buch der Juden lest. Aber die gequälten Russen haben es nicht ibersehen, wie Ihr, Ihr satten Spiessbürger! Und die noch viel mehr gequälten Juden haben sich daran aufgerichtet, an den Donnerworten, die ja auch heilig sind, wie ihr sagt, und haben auf den Tag gewartet in Grimm und Sehnsucht, wo die Worte der Propheten sich wieder einmal erfüllen würden, weil das Mass des Unrechts und des Jammers zum Ueberlaufen voll war, wo Gott der Herr, der sich nicht spotten lässt, den Turm der Gewalt zerschmettern würde mit seinem rächenden Blitze. Und ihr Gott ist stark geworden in den Schwachen, und hat ihnen den Heldenmut gegeben, an ihren Fesseln zu rütteln, ihnen, den Feiglingen, ihnen, den in Schmach Unterdrückten seit Jahrtausenden : er hat ihnen den Opfersinn eingehaucht, der selbst zum Sterben bereit ist — i h r F r o mm e n, ist das kein Wunder Gottes? Hat Gott je anders Wunder gewirkt als durch seine Kreatur? Ist es kein Wunder, ehrfürchtig und gross wie die Sternenwelt, dass Mandelstamm und Silberfarb Helden geworden sind? Ihr glaubt nicht mehr an die Freiheit und ihre Segnungen, ihr frommen Spiessbürger, und jede Revolution ist euch verdächtig. Sie wirft die Kurse eurer Papiere nieder, sie stört euren Handel, sie macht euch die Arbeiter anspruchsvoller und trotziger. Weil sie nicht alle Blütenträume zur Reife brachte, ist euch die Freiheit ein widriges Wort geworden. Könnte euch doch ein neckender Spuk nur auf ein Jahr, nur auf einen Monat, nur auf einen Tag wieder in die volle Unfreiheit zurückversetzen — wie würdet ihr ,Umstürzler' werden, ihr allzu leicht Vergessenden! Aber die gequälten Russen und die noch viel mehr gequälten Juden konnten noch nicht vergessen, was Knechtschaft und Sklaverei zu bedeuten hat — denn sie lebten in ihr. Sie sahen an eurem Reichtum und an ihrer Armut, an eurem Glück und an ihrem Unglück, was Freiheit bedeutet — denn was ihr Armut nennt, hiess diesen Aermsten schon Wohlstand, und was ihr Unglück nennt, hiess ihnen schon Glück, und sie staunten über eure Unzufriedenheit. Sie sahen nach Frankreich hinüber und sahen ein Land voll Reichtums und Glücks, so reich und so glücklich, wie sie es sich kaum in ihren kühnsten Träumen vor die Seele zu zaubern wagten, und wussten, dass es vor einem Jahrhundert noch ein Russland gewesen war, unglücklich, arm, geknechtet wie ihr Russland; sie wussten, dass der grosse Umsturz von 1789 ganz allein das Wunder dieses Umschwungs bewirkt hatte; und sie waren, ach so gern, bereit, alle die Dinge mit in den Kauf zu nehmen, die den heutigen Franzosen unbequem sind, wenn sie nur ihren Wohlstand und ihr Recht mit allen seinen Unvollkommenheiten erhalten könnten. — Und sie sahen hinüber über den Ozean, und sahen dort ein Land, ihrem Russland fast gleich an Ausdehnung und Menschenzahl, an Naturschätzen und Klima, ein Land, das, wie Russland, vom Polarkreis bis fast an den Wendekreis reicht, voll fruchtbarer Ebenen, mächtiger Ströme, erzreicher Gebirge wie Russland — und dies Land war voller Glück und Wohlstand, und sie fanden keinen anderen Unterschied, der dort Glück und hier Unglück zeugte, als den, dass dort Freiheit herrschte und hier Unfreiheit, dort Recht trotz aller Un-

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