Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Die russischen Judenmorde
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 611 - 612 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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611 612 DIE RUSSISCHEN JUDENMORDE. Von Franz Oppcnheimer. Nachdruck verboter. Dem Soziologen, namentlich wenn er selbst Jude ist, wie der Verfasser, wird es bitter schwer, den südrussischen Greueln gegenüber die kühle Objektivität der Wissenschaft zu bewahren. Man ist erst Mensch, und dann erst Gelehrter, und der Mensch in uns schaudert und knirscht in Entsetzen und Grimm, und aus den unkontrollierbaren, dem Willen nicht Untertanen Tiefen des Unterbewusstseins bricht der Hunger nach Rache schier unüberwindlich empor. Das Tier in uns, die niedergehaltene Bestie, möchte die Zähne ins Fleisch der Mörder schlagen. Greise! Kinder! schwache Frauen und Mädchen! Zu Tausenden geschlachtet, geschändet, zerfleischt, unschuldiges Blut zum Himmel rauchend, Zehntausende verstümmelt, verkrüppelt, in Schmerzen sich windend, Hunderttausende verarmt, bettelnd im Wintersturm von Land zu Land, mit grässlichen Bildern vor den Augen, die unzerstörbar in ihre Seele gegraben sind, mit Bildern, die sie noch nach Jahren schweisstriefend, zähneklappernd aus dem Schlummer jagen werden — wahrlich: wir haben schon fast zu viel Kultur, zu viel Humanität in uns aufgenommen, wenn wir das ertragen können, ohne rot zu sehen, ohne dass uns die Faust sich ballt zum rächenden Schlage! Unsere christlichen Mitmenschen, unsere „Mitbürger", freilich, die haben wohl unendlich viel Kultur: denn unendlich ist die Geduld, mit der sie die Greuel aufnahmen. Wenn in Indien Hungersnot herrscht, wenn in Norwegen eine Holzstadt niederbrennt, wenn in Calabrien ein Erdbeben Städte zusammenwettert: dann loht das Mitgefühl unserer Mitmenschen hoch empor; Fürsten stellen sich an die Spitze der Sammlungen, und ihr Beispiel, ihre Huld lockt die Scharen der Wohltäter hinter sich her. Aber jetzt? Wieviel Arme haben sich erhoben, wieviel Herzen oder nur Taschen haben sich geöffnet, wieviel Augen sind nass geworden? Ein Raubmord im Scheunenviertel erweckt mehr Mitgefühl, als die Massenmorde in Odessa und Kiew. O ja, unendlich viel Kultur haben sie in sich aufgesogen, unsere christlichen Mitbürger! Was sie hatten, war ein Achselzucken: „Sie sind selbst schuld an ihrem Schicksal! Ueberau stehen Juden an der Spitze der revolutionären Organisationen. Natürlich richtet sich die Wut der Volksmassen zu allererst gegen sie." O Gerechtigkeit! Ja, es ist wahr! Jüdische Arbeiter sind zahlreich unter den Vorkämpfern des Proletariats, jüdische Studenten und Studentinnen unter den Schildhaltern der revolutionären Intelligenz. Nehmt an, das sei ein Verbrechen! Nelimt an, sie seien vor einem höheren Gesetze schuldig! Begründet das wirklich die Todesstrafe unter Martern, verhängt über Kinder, die noch nicht einmal wissen, dass sie den ewigen Fluch des Judentums ererbt haben, über Frauen und Mädchen, über welke Greise, über Tausende von Männern, die niemals anderes getan haben, als ihren Lebensunterhalt zu suchen? Aber war es denn ein Verbrechen vor einem höheren Gesetze, als es jenes, von rechtloser, tückischer Gejwalt erlassene, Gesetz der Tyrannei ist, das diese Bundisten, diese Intellektuellen begingen, als sie sich an die Spitze der Sturmkolonnen stellten, die die Zwingburg Russlands zu stürmen wagten? O, ihr kulturstolzen Westeuropäer! Harmodios und Aristogeiton und Brutus sind auch heilige Helden, und Friedrich Schiller, der Sänger Verrinas und Wilhelm Teils, heisst euch die Inkarnation deutschen Wesens, und ihr feiert seine Geldenktage mit vielen klingenden Reden und grossem Geräusch: aber die Helden Russlands, die Märtyrer der Freiheit und des Völkerglücks, die seht ihr mit den Augen eines Polizeiwachtmeisters an. „Mandelstamm und Silberfarb!", mit dem gewissen Akzent, und der deutsche Reichstag schmunzelt nicht, er wiehert! Wer sich nicht einmal die Achtung bewahrt hat vor Männern, die zu sterben wissen für das, was ihre Sehnsucht ist, der hat wenig Grund, sich hoher Ahnen zu rühmen: die Ahnen würden den zuchtlosen, entarteten Enkel verleugnen und Avillig den Adel der Kämpfer anerkennen, und mögen sie tausendmal von „hosenverkaufenden Jünglingen" abstammen. Denn nichts ist dem Starken und Mutigen ehrwürdiger als der freie Tod! Freilich, es sind ja nur Juden, die Harmodios und Teile Russlands! Und ein Jude mag tun, was er will: es ist immer ein Verbrechen in den Augen seiner christlichen Mitbürger. Hält er sich zurück, so wird er geizig gescholten, lässt er äufgelin, heisst er ein Protz und Parvenü; ist er bescheiden, so wirft man ihm Kriecherei vor, und Frechheit, wenn er Selbstbewusstsein äussert; duldet er jeden Schimpf, so ist er ein feiger Hund, und wehrt er sich, so heisst es: schlagt den Umstürzler tot! War die Zeit immer noch nicht gekommen, da ein Volk in die Sterne greifen darf, um seine ewigen Rechte herunterzuholen, die dort oben hängen, unverlierbar? Einhundertundvierzig Millionen Menschen zermalmt von der schmutzigsten Tyrannei, entrechtet und ausgesogen, nicht für einen Gedanken, nicht für einen Grundsatz, der etwas heiliges hat, selbst wenn er ein Irrtum ist, nicht für die Aufrechterhaltung einer ererbten Regierungsform, nicht für die Bewahrung einer Religion, die Millionen ein unantastbares Palladium hiess — sondern für den frechen Luxus einer Kamorra gemeiner