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Ost und West · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 579 - 580

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Aquis Emersus
Date
1905-09-01
Page
Seite 579 - 580 (sequence 3)
Language
German
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579 A. Coralnik: Aquis Emersus. 580 kannt. Aber auch ihnen wird die Sammlung die Möglichkeit bieten, sich ein ganzes, geschlossenes Bild von der Persönlichkeit Herzls zu machen. Wie Herzl das geworden ist, was er war, belehrt uns seine „Selbstbiographie", aber noch mehr die feine, geist- und stimmungsvolle Skizzierung, die ich bereits schon dem Aufsatze „Die Menorah", der den zweiten Teil der „Z. S." eröffnet, entnommen habe. Welchen Einfluss hatte nun seine neue Weltanschauung auf seine innere Welt? Hat Herzl, der nuancenreiche Schriftsteller, neue Nuancen im Judentum entdeckt, oder gesucht? Hat er Antwort gegeben auf die ewigen Fragen des Judentums? Findet man in seinen Aufsätzen einen Resonanzkasten für jede Erscheinung im jüdischen Leben? Und wenn nicht, warum? Ich möchte anstatt einer Antwort eine Stelle zitieren aus den „Anmerkungen zum Judenstaate„Wie soll unsere Verfassung beschaffen sein? Ich bin für die aristokratische Republik, obgleich ich in meiner Heimat ein überzeugter Anhänger der Monarchie bin." Mit anderenWorten: Herzl war das Gegenteil von einem Revolutionär. Er war ein aristokratisch denkender Mensch, ein Konservativer der Anlage nach. Während das jüdische Leben rings um ihn, vor allem aber dort, wohin er seinen Blick richtete, nämlich in Osteuropa, eine Revolutionierung, Gärung, Umbildung des Alten war, blieb er kalt und teilnahmslos dem inneren Prozess der Gärung gegenüber, indem er seiner einzigen, dominierenden Idee, seiner „idee maitresse", wie er sagte, huldigte. Er hatte ja genug mit den äusseren Schwierigkeiten zu kämpfen, für die inneren Reibungen, für die intellektuellen Hindernisse, die im eigenen Lager entstanden, für die [Beobachtung der dialektischen Entwicklung seiner eigenen Idee hatte er keine Zeit — und keine Lust. Kam er doch nicht, neue Werte den Juden zu bringen, sondern im Gegenteil den alten, einzigen, unvergesslichen Wert, den der eigenen freien Existenz in Erinnerung zu bringen. Herzl war kein Revolutionär, daher auch seine innere Abgeschlossenheit. Er hatte nicht in sich die Hitze der ewigen Gärung, daher der vollständige Mangel an Pathos. Er redet sich nie in die Leidenschaft hinein. Im Vergleich zu den grossen Volksführern, wie z. B. einem Mazzini, ist er zu kühl. Sein Stil bleibt immer derselbe weiche, vornehme, salonfähige. Er hat nie „Furiosos", immer „Adagio" und nur selten „Staccatos". Nicht die Worte sind das Hauptsächliche, die Geste, die sie begleitete, war es. Und als er Baron Hirsch schrieb: „Sie sind der grosse Geldjude, ich bin der Geistesjude", oder „Mit meinen 35 Jahren ist man in Paris Minister, Napoleon war Kaiser", da sehen wir ihn, den grossen, schönen, stolzen Mann, der keine Schleichwege kannte, auch nicht die des Gedankens, der keine Diagonalen liebte, den geraden und einfachen Mann, oder — soll ich's mit seinen eigenen Worten sagen — den Mann, dessen Psyche aus „Einfachheit und Phantastik bestand, wodurch man die Menschen führt". Zwischen dem Momente, wo er — aquis emersus — im Judentum ein neues Leben begann, und dem, wo er sein Leben und seine glorreiche Laufbahn beschloss, lag eine Periode von 9 Jahren. Nach einigen Jahren wrar er nicht mehr derselbe unerschütterlich an seine Idee, an die rasche Ausführbarkeit seines grossen Planes glaubende Herzl. . Er hat das jüdische Volk glauben gelehrt, hat aber von ihm zweifeln gelernt. Und für solche Naturen wie Herzl ist der Zweifel unerträglich, weil jeder Zweifel knickt. Und über den letzten Reden Herzls weht ein Hauch von leiser Melancholie..... Alle grossen Männer, die das jüdische Volk verehrt, waren „Männer des Geistes". So Moses, so Maimonides u. a. Das Ideal des jüdischen „grossen Mannes" ist der Gelehrte, der Weise geworden. Herzl ist die einzige moderne jüdische Gestalt von unvergänglichem Werte, die nur die Tat versinnbildet Das vorliegende Buch ist ein Beweis dafür. Es sind keine neuen Theorien, die dort gepredigt werden, sondern die Bejahung der alten. Es sind Mahnrufe zur Tat und Berichte von Taten. Und darin liegt auch ihr historischer Wert. Alle, die früher zum jüdischen Volke kamen, sprachen zu ihm wie zu Bekannten, zu Vertrauten, die sie durch und durch kannten, die Fleisch von ihrem Fleische und Blut von ihrem Blute waren.: Alle, die zum jüdischen Volke als Reformer, Umstürzler, Neubildner gekommen sind, haben zur tiefsten Frage des Judentums, zur Frage aller Fragen Stellung, genommen, zur Frage nach dem Judentum. Sich und dem Volke das Problem der eigenen Existenz wollten sie erklären. Herzl war der einzige, der es unterlassen, der nicht von dieser Seite sich . dem Volke genähert hat. Und darin bestand seine Originalität. Herzl brauchte keine weite, breite Weltkonzeption. Mazzini, den ich oben bereits als Parallele herangezogen, hat sich nicht mit einer bloss politischen Agitation für die Befreiung Italiens begnügt. Er strebte nach einer breiteren Basis, nach einer höheren Warte — er wollte eine neue Gesellschaft begründen, eine neue Ordnung der Dinge. Solche Leute sind prophetische Naturen. Davon hatte Herzl nichts. Er war ein Träumer, aber kein Mystiker. Er schwärmte für Realitäten. Seine Träume, wie man z. B. aus „Altneuland" ersehen kann, bewegen sich ausschliesslich auf dem Gebiete der irdischen Dinge. Nichts Stürmendes, metaphysisch Angehauchtes. Im ganzen Buche, dem theoretisch-zionistischen Lebenswerk findet man kein einziges Mal einen flammenden Ruf der jüdischen Seele, dieser mysteriösen widerspruchsvollen Seele, die sich immer sehnt. Die Ideale des Judentums waren dem Herzischen Geiste fremd. Er hat deshalb viele Angriffe von jüdischer Seite nicht begreifen können; er hat dem religiösen, mystischen Juden nicht nachempfinden können. Das beweist u. a. die Antwort auf die antizionistische Broschüre Dr. Güde-

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