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Ost und West · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 577 - 578

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Aquis Emersus
Date
1905-09-01
Page
Seite 577 - 578 (sequence 2)
Language
German
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577 A. Coralnik: Aquis Emersus. 578 Er halte sein genügendes Auskommen und auch einen glücklichen Beruf, indem er das schaffen durfte, wozu ihn sein Herzl hinzog. Er war nämlich ein Künstler. Um seine jüdische Herkunft und den Glauben seiner Väter hatte er sich schon lange nicht gekümmert, als der alte Hass unter einem modischen Schlagworte sich wieder zeigte. Mit vielen anderen glaubte auch unser Mann, dass diese Strömung sich bald verlaufen werde. Aber es wurde nicht besser, sondern stets ärger, und die Angriffe schmerzten ihn immer von neuem, obwohl sie ihn nicht unmittelbar betrafen, so dass nach und nach seine Seele eine einzige blutende Wunde war. Es geschah ihm nun, dass er durch diese inneren und verschwiegenen Leiden auf deren Quelle, also auf sein Judentum hingelenkt wurde, und was er in guten Tagen nie vermocht hätte, weil er davon schon so ferne war: er begann es mit einer grossen Innigkeit zu lieben. Auch von dieser wunderlichen Zuneigung gab er sich nicht gleich deutliche Rechenschaft, bis sie ihm so mächtig war, dass sie aus dunklen Gefühlen zu einem klaren Gedanken erwuchs, den er dann auch aussprach. Es war der Gedanke, dass es aus der Judennot nur einen Ausweg gebe, und zwar die Heimkehr zum Judentum . . Und wir hören weiter die schlichte Geschichte vom Künstler, der sein Volk gefunden hat, der aus den Tiefen der sterilen Wehmut und Resignation zur Höhe der sonnenhellen, lebenswarmen Tat hervortauchte — „aquis emersus" — und dabei auf Schwierigkeiten stiess. „Der Mann zog aber in seiner geduldigen Art eine Konsequenz nach der anderen aus seiner einmal gefassten Meinung. Dabei gab es eine Anzahl von Uebergängen, die ihm selbst nicht leicht fielen, wenn er dies auch aus Trotz nicht sehen Hess. Als ein Mensch und Künstler von modernen Anschauungen war er doch mit vielerlei unjüdischen Gewohnheiten verwachsen und hatte aus den Kulturen der Völker, durch die ihn sein Bildungsgang geführt, Unvertilgbares in sich aufgenommen. Wie war dies mit seiner Rückkehr zum Judentum zu versöhnen?" Da stösst unser Künstler auf ein Problem, das eines der schmerzensreichsten und schwierigsten ist. Allmenschheit und Judentum — eine weite Welt von Licht und Schönheit, von Idealen, die unzählige Geschlechter umfassen, die der Gegenwart und der Zukunft — und dagegen das exklusive Ideal der jüdischen Renaissance, des jüdischen Nationalismus? Und der Künstler fand die Lösung: „Er hatte, als er sich entschloss, zum alten Stamme heimzukehren und sich zu dieser Heimkehr offen zu bekennen, nur gemeint, etwas Ehrliches und Vernünftiges zu, tun. Dass er auf diesem Wege auch eine Befriedigung seiner Sehnsucht nach dem Schönen finden würde, das hatte er nicht geahnt. Und nichts Geringeres widerfuhr ihm . . Wichtiger als alle Seelenanalysen der modernen jüdischen Künstler, wie wir ihnen so oft in den letzten jähren begegneten, tiefer und wuchtiger als alle Theorien über das Arerhältnis der jüdischen und allmenschlichen Ideale, den Gegensatz zwischen der ethischen und ästhetischen Weltanschauung — der jüdischen und hellenischen — und sonstige kluge oder ausgeklügelte, aber immerhin unproduktive Theorien, ist dieses Seelenbekenntnis, das kein Geringerer als Theodor Herzl geschrieben hat. Er hat für sich, im Stillen, alle inneren Kämpfe durchgemacht, alle Zweifel an sich nagen lassen, bis er gestählt und gefestigt vor die AVeit trat mit dem Wort, das zur Tat drängte, zur Tat ward. Wäre Theodor Herzl ein Theoretiker gewesen, ein abstrakt denkender Kopf, wie Moses Hess, wie andere hervorragende Männer vor und nach ihm, es wäre der Ertrag dieses ganzen inneren Kampfes vielleicht ein grossartiges Buch gewesen über das Wesen des Judentums oder die Zukunft der Idee des Judaismus. Herzl war alles weniger als ein abstrakt denkender Mensch. Er war ein Bildner. Er dachte in Bildern. Er war ein Dramatiker. Als solcher drängte er seine Bilder, seine Gestalten auf die Bühne, ins Leben. Und als er dazu kam, über das Judentum zu denken, da schuf er ein Bild, ein Lebensdrama, und inszenierte es. Das Drama, das ihm die Unsterblichkeit verleihen sollte, hiess — der Zionismus. Nun kann man ein Drama betrachten als ein fertiges Objekt, es nach seinem inneren Werte beurteilen, ganz abgesehen von der Persönlichkeit und den Motiven des Dichters, des Schöpfers dieses Dramas. Man kann es aber als ein subjektives Erlebnis des Dichters auffassen und wertschätzen. Dann ist für uns die Entstehungsgeschichte des Dramas von Wichtigkeit. Dann erlangen die verschiedenartigsten Entwürfe, Skizzierungen, die Entwicklung der schöpferischen Gedanken die eigentliche Bedeutung. Wir wollen hier nicht Herzls Lebenswerk untersuchen, sondern dessen AVeikzeug veranschaulichen. Die Aufgabe ist uns jetzt ungemein erleichtert worden durch die vor kurzem erschienene Sammlung der zionistischen Schriften Theodor Herzls.*) Diese kunstsinnig ausgestattete Ausgabe, die in ihrer vornehmen Schlichtheit dem Geiste des verstorbenen Aesiheten entspricht, bietet uns den Einblick in die innere AVeit des Zionistenführers. In dem über 600 Seiten starken Buche wird uns die ganze Tätigkeit — die theoretische natürlich — Herzls auf dem Gebiete des Judentums, das sich für ihn mit dem Zionismus vollkommen deckte, geboten. Von seiner „Selbstbiographie", von seinem Briefwechsel mit dem Baron Hirsch bis zur sechsten Kongressrede, also vom ersten Anlauf bis zum letzten Ritt. Die meisten Aufsätze und Reden, die in diesem Buch enthalten sind, sind denen, die die Tätigkeit Herzls mit regem Auge verfolgt haben, mit Ausnahme etwa des Briefwechsels mit Baron Hirsch, bereits be- *) Theodor Herzls zionistische Schriften, herausgegeben von Prof. Dr. Leon Kellner. Jüdischer Verlag, Berlin-Charlottenburg, 1905.

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