Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Aquis Emersus
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 581 - 582 (sequence 4)
- Language
- German
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581 A. Coralnik: Aquis Emersus. 582 manns, der zwar nur Oberrabbiner, oder am die antizionistische Kritik Claude Montefiores, der auch wirklich ein fühlender Jude ist. Herzl war ein glänzender Polemiker. Seine Kritik war fein, aber scharf, glänzend und schneidend. Aber den Kern des Judentums, die liefe psychische Grundlage vermisst man in seinen Argumenten. Wo er aber gegen Realitäten zu kämpfen hatte, war er unvergleichlich, unüberwindlich, so sein Kampf gegen „Mauschel"...... Den hat Herzl getötet. Wenn wir Seite für Seite die Gedanken und Worte Herzls uns vorlesen, wenn wir uns das Gesamtbild des grossen Mannes rekonstruieren wollen, seine eigene Note unter den anderen Grössen des historischen Judentums herausfinden wollen — so sehen wir ihn. seine Gestalt, die Gestalt des -guten Mitteleuropäers", vor einem Haufen von Menschen, auf denen die Schwere des Lebens und des Gedankens seit Jahrtausenden lastet. Er allein war frei Vielleicht, weil ihm viele Zweifel fremd waren. Aber immerhin, er war frei. Und er kam zum Volke und sagte ihm: Werde frei, lebe ohne Grübeleien, ohne Gründe. Nicht „cogito, ergo sumC£, sondern .,sum, ergo sum". — Und wenn Herzl auch keine Philosophie des alten Judentums gegeben hat, war er nicht schöpferisch genug, wenn er diese neue erfand? Ein Neuer war er — und das ist sein Verdienst. Ein Fremder war er, deshalb eroberte er die Massen. Er hat dem Judentum eine neue Note eingefügt, ein neues Stück Leben, das weiter wirkt..... ZUM JUBILAEUM DER HAMBUI Ein geschichtlicher Rückblick. Am 27. Mai 15S3 hatte sich „Isaac Jude der alte von Saltzuffel" in einem ausgezeichnet begründeten Schreiben an den Rat der Stadt Hamburg mit der Bitte gewandt, den Juden „auff dem Broke" in Hamburg Wohnrecht zu gestatten. Sein Gesuch, das er nach etwa zwei Jahren wiederholte, war aber abschlägig beschieden worden. Der Senat, der die Aufnahme von Juden in in sein Gebiet so entschieden ablehnte, wusste sicher nichts davon, dass sich in seinem Machtbereich bereits seit etwa 15 Jahren eine kleine Judengemeinde gebildet hatte. Schon seit dem Beginne des 16. Jahrhunderts war die Lage der Juden in Portugal unerträglich geworden, und allen Auswanderungsverboten zum Trotz hatten sich einzelne Juden aus dem ungastlichen Vaterlande geflüchtet. Sie vereinigten sich in Italien und in der Türkei zu vorerst kleineren Gemeindeverbänden. Die erste Portugiesengemeinde auf deutschem Boden, die zugleich auch die letzte noch hier bestehende sein sollte, wurde in Hamburg begründet.1) Wahrscheinlich gleichzeitig mit den ersten englischen und niederländischen Ansiedlern kamen portugiesische Flüchtlinge in Hamburg an, und, da sie sich aus Furcht vor der Inquisition x) Wertvolles Material zur Geschichte der Hamburger Portugiesengemeinde enthalten die Veröffentlichungen des Vereins für Hamburgische Geschichte und M. Grunwald, Portugiesengräber auf deutscher Erde, Hamburg 1902. GER PORTUGIESENGEMEINDE. n Dr. Paul Rieger, Hamburg. Nachdruck verboten. als gute katholische Christen ausgaben, nahm niemand an ihrer Niederlassung Anstoss. Bereits 1577 erzählte der fromme Stephan Gerlach in seinem Tagebuch mit verhaltenem Groll von „solchen Gesellen, die in Portugal Christen und in Hamburg Juden sind, und wenn sie wieder nach Portugal kommen, auch wieder Christen sind oder sich also anstellen". Als dann nach dem Tode des Kardinal - infanten (31. Januar 1580) Portugal unter das Szepter des brutalen spanischen Philipp gekommen war, erfuhr die Zahl der jüdischen Flüchtlinge nach Hamburg eine weitere Steigerung. Senat und Bürgerschaft hatten aber scheinbar immer noch keine Kenntnis davon, dass die vornehmen portugiesischen Einwanderer Juden waren. Noch im Jahre 1603 schenkte der Senat einer Anzeige, dass die Portugiesen Juden wären, keinen Glauben. Erst am 28. Oktober 1605 wurde die Tatsache, dass die neue Gilde — das ist die Bedeutung des Ausdruckes „Portugiesische Nation (nagäo)" — eine Judengemeinde war, von der Hamburger Behörde zugegeben. Da aber der Senatsbericht aus dem Jahre 1606 angab, dass sämtliche Hamburger Portugiesen ihre Kinder katholisch taufen Hessen2) und sie ihre Toten (sogar noch bis zum Jahre 1611) auf dem katholischen Kirchhot bestatteten, nahm dei Senat 2) Noch die „Artikel contra die Juden" vom 5. April 1669 erinnern daran: „Ihre Kinder haben sie im Anfang zur heiligen Tauffe geschicket".