Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Vamberys Memoiren
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 571 - 572 (sequence 3)
- Language
- German
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571 Dr. Adolph Ivohut: Vamberys Memoiren. 572 zu erlernen. Mit dem dort erworbenen Gelde sollte er später die Kosten des Gymnasialstudiurns bestreiten. Die Mutter gab ihrem geliebten Sohne weise Lehren mit auf den Weg und sprach ihm Mut mit den folgenden Worten, die einen tiefen Eindruck auf das Gemüt des Knaben machten, zu: „Du darfst und kannst kein Alltagsmensch werden. Der Geist Deines gelehrten Vaters steckt in Dir, Du musst studieren und ein Doktor werden. Ja, mein Kind, Du wirst viel zu leiden, zu kämpfen und auszustehen haben, aber merk Dir's wohl, man darf die Mühe nicht scheuen: man muss in der einen Hälfte der Nacht das Bett zurechtmachen, um die andere halbe Nacht gut schlafen zu können!" Und in der Tat gelanges Hermann, der sich allezeit durch eiserne Energie auszeichnete, hungernd und arbeitend soviel Geld als Lehrer im Hebräischen und in andern Fächern zusammen zu scharren, um einige Jahre hindurch an verschiedenen ungarischen Gymnasien seinen Wissensdurst stillen zu können. Wie stolz war die Mutter, als der 13jährige Knabe, der schon damals als ein Ausbund von Gelehrsamkeit galt, das Bar-Mizwafest in ihrem Hause, im Kreise der Familie, feierte. Der Verfasser kennzeichnet dasselbe mit den nachstehenden Worten: „Gelegentlich dieses Bar-Mizwafestes hat der in den Verband des rituellen Judentums eintretende Jüngling öffentlich eine Predigt oder richtiger eine Dissertation über irgend ein Religionsthema zu halten, er wird in der Synagoge zum öffentlichen Lesen des Thora zugelassen, und symbolisch schön ist die Sitte, mit welcher sein Scheiden aus dem Kindesalter gekennzeichnet wird. Ks wird nämlich ein Festessen arrangiert, zu welchem seine Altersgenossen geladen sind; auf dem Tische prangt ein ziemlich hoher, aus Backwerk geflochtener Korb, A^oll mit ."Ruten aus mürbem Teig geformt und frisch gebacken, die beim Dessert unter den Knaben verteilt . und verspeist werden, denn in der Zukunft hat es mit der Zuchtrute ein Ende. Meine Mutter vergoss Freuden tränen bei diesem Feste. Während meiner Rede glaubte sie die Stimme meines Vaters zu erkennen und mehr wie einmal rief sie schluchzend aus: „Ja, er wird gewiss glücklich sein, denn sein im Paradiese weilender Vater betet stets für ihn." Es würde mich zu weit führen, wollte ich den armen Talmudisten und Gymnasiasten auf allen seinen Leidensstationen begleiten, die er während seiner Gymnasialzeit durchzumachen hatte. Es sei nur hervorgehoben, dass er in der ersten Zeit, namentlich in vSt. Georgen, fast ausschliesslich dem wohltätigen Sinn seiner Glaubensgenossen es zu verdanken hatte, dass er nicht Hungers starb. Von jener schönen Sitte in der alten guten Zeit, die von der jüdischen Gemeinde den Talmudschülern gegenüber geübt wurde, sagt V.'imbery: „Mildtätige, mitunter auch recht arme Menschen boten mir der Reihe nach ein Mittagessen in der Woche an, während ich am Sabbat der offizielle Gast der Gemeinde war, indem mir der Gemeindediener auf irgend ein wohlhabendes Mitglied eine Anweisung (Billet) auf die Sabbatkost verabfolgte, das ich gar oft zur unangenehmen Ueberraschung der Hausfrau abgab und als unerwarteter Gast das bessere Essen mit Bitterkeit verzehrte Ganz anders war es mit den nicht offiziellen Tagesmahlzeitcn bestellt. Hier war die Mildtätigkeit eine freiwillige und floss aus der reinen Quelle der Humanität oder der Pietät für das Andenken meines verstorbenen Vaters, und der mir verabreichte Bissen hat auch tatsächlich um so süsser geschmeckt. Diese Art von Beköstigung hatte auch ihre komischen »Seiten, denn es traf sich häufig, dass ich die ganze Woche hindurch, ein und dasselbe Gericht ass, je nachdem einzelne Gerichte an den verschiedenen AVochentagen in den verschiedenen Häusern auf den Tisch gekommen waren. Doch ich war überall gesättigt, bekam noch obendrein zum Abendessen ein Stück Brot mit, und solange ich nicht den einen oder anderen Kosttag verloren, ging es mir, was die Verpflegung betrifft, viel besser als im eigenen Elternhaus. Diese Sitte des „Kostgebens", die selbst vom ärmsten Juden befolgt wird, kennzeichnet am besten einerseits die Mildtätigkeit, andererseits die Willfährigkeit der Juden, mit der man den bedürftigen Jüngling zum Studium ermuntert und unterstützt. Der arme,' verlassene, hart unterdrückte und verfolgte Jude freute sich ordentlich, wenn er seinen sauer erworbenen Bissen Brot mit dem Wissensdurstigen teilen konnte, und es ist jedenfalls ein herrlicher Zug der echten Menschlichkeit und edlen Bestrebens, dem geistigen Ringen behilflich zu sein." Die Not war schliesslich viel gebieterischer als der gute Wille des Jünglings, sich ausschliesslich der Wissenschaft zu widmen und um den Wunsch der Mutter, Arzt zu werden, zu erfüllen. Da er von keiner Seite Unterstützungen erhielt, um seine Universitätsstudien absolvieren zu können, und auch seine langjährige Tätigkeit als Hauslehrer es ihm nicht ermöglichte, Ersparnisse zu machen, fasste er den kühnen Entschluss, das Land seiner Träume von frühester Jugend an, den Orient, zu besuchen. Es ist hier nicht der Ort, die verschiedenen Orientreisen des Forschers, die ihm schliesslich einen Weltruf verschafften und die ihm mit den hervorragendsten Politikern, Staatsmännern und Gelehrten seiner Zeit in nähere Verbindung brachten, näher zu beleuchten; an dieser Stelle sei nur erwähnt, dass er, von der Sehnsucht nach seinem Vaterlande getrieben, vor vielen Jahrzehnten nach Ungarn zurückkehrte, um die Früchte seiner Tätigkeit seinem Volke zugänglich zu machen. Mit Recht konnte er voraussetzen, dass er, dessen Verdienste bereits in ganz Europa anerkannt wurden, in Budapest offenen Armen begegnen werde. Er gab sich namentlich der Hoffnung hin, dass die Lehrkanzel der orientalischen Sprachen in der Hauptstadt seines Vaterlandes ihm angeboten werden dürfte. Um jedoch die angestrebte Professur zu erhalten, musste er sich nach Wien begeben und in einer Audienz die Gunst des Monarchen erbitten. Kaiser Franz Joseph, ein edelgesinnter Monarch von seltener Herzensgüte, ja nicht mit Unrecht der erste Gentleman seines Reiches genannt, empfing ihn äusserst huldvoll, erkundigte sich nach den Einzelheiten seiner Reisen und gewährte ihm auch sofort seine Bitte, mit dem Bemerken, dass er viel ausgestanden und deshalb die Stelle verdiene. Nur den einen Einwand machte der Monarch, dass es selbst in Wien eine geringe Anzahl von Leuten gebe, che dem Studium der orientalischen Sprachen sich widmeten, und er daher voraussichtlich in Ungarn noch weniger Hörer haben werde. Vämbery erwiderte: „Wenn ich keine Hörer bekomme, so werde ich selbst leinen." Der Monarch lächelte und entliess ihn in Gnaden. Der Forschungsreisende glaubte nun am Ziel seiner Wünsche zu sein, aber er sollte bald eines Besseren belehrt werden. Weder in Oesterreich noch in Ungarn konnte man ihm seinen jüdischen Ursprung verzeihen. In drastischer Weise schildert der Verfasser die zahlreichen Demütigungen, denen er ausgesetzt war, und gewiss wird man noch jetzt dieses ebenso lehrreiche wie beschämende Kapitel vom Antisemitismus hüben wie drüben mit Interesse lesen. Man höre: