Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Vamberys Memoiren
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 569 - 570 (sequence 2)
- Language
- German
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569 Dr. Adolph Kohut: Vamberys Memoiren. 570 Untertanen zur Annahme des Familiennamens zwang, hatte der schon in Ungarn geborene Grossvater unseres Forschungsreisenden den Stammesort seiner Vorfahren gewählt und den Namen Bamberger angenommen. Der Vater Vämberys war ein frommer Jude und ein ausgezeichneter Talmudist, der Tag und Nacht seinen Studien oblag, ohne sich um das Treiben der Welt sonderlich zu kümmern. Er nahm seinen Wohnsitz in St. Georgen, einem kleinen Städtchen im Pressburger Komitat, wo, wie gesagt,auch Hermann Vämbery geboren wurde. Der unpraktische Sinn des jungen .Ehemannes, der nur im Reiche seiner Wissenschaft und Phantasie lebend darüber die materiellen Dinge der Welt vernachlässigte, rächte sich bald, denn es stellte sich, besonders nachdem die Familie sich vermehrt hatte, Frau Sorge ein, wodurch er gezwungen wurde, allerlei Geschäfte zu versuchen, zu deren glücklicher Durchführung er jedoch wenig geeignet war. Nach dem Tode ihres Gatten heiratete Hermann Vamberys Mutter zum zweiten Mal und zog nach Duna-Sperdahely in Ungarn. Doch hatte sie keine glückliche Wahl getroffen, weil ihr zweiter Gatte zwar ein guter Mensch war, aber gleichfalls keine geschäftlichen Fähigkeiten besass. Bald stellte sich die traurigste Not ein, so dass der kleine Hennann oft buchstäblich Hunger leiden musstc, und er schon in frühem Kindesalter die Schattenseiten des Lebens gründlich kennen lernte. ,. Ganze Wochen hindurch," so schreibt er selbst, ..bekamen wir nichts als schwarzes Brot, Erdäpfel in verschiedener Form und Hülsenfrüchte zu essen, Kaffee und Milch gehörten zu den Delikatessen, und Fleisch erhielten wir in mageren Bissen nur am Sabbat oder an sonstigen Feiertagen." Schon frühzeitig entwickelten sich die Fähigkeiten des Knaben, und seine Lehrer im „Cheder" erkannten bald, dass, wenn seine Talente ausgebildet würden, er es noch weit bringen könnte. Besondere Fortschritte machte er in der Schule im Hebräischen und Rabbinischen, und bereits als ganz junger Knabe kannte er beinahe das ganze alte Testament auswendig. Voll Stolz pflegte seine Mutter zu sagen, wenn die Lehrer seine Begabung rühmten: „Sein Vater war ein grosser Gelehrter, er muss doch auch einen guten Kopf haben." Dabei hielt sie ihn mit eiserner Strenge zum Lernen an und wenn er abends zu Bette ging, musste er sicli seine Bücher, oft umfangreiche Bände, unter das Kopfkissen legen, denn sie sagte ihm: „Die Wissenschaft über Nacht durch die Polster in den Kopf geistigen wird. Dir dringen!<f Von dem Zustande der kleinen Judengemeinde von Duna-Sperdahely, wo Hermann Vämbery aufwuchs, entwirft der Verfasser die nachstehende " anziehende Skizze: „Dieselbe stand zur Zeit meiner Jugend im Rufe der frömmsten, urwüchsigsten und von der Neologie nicht im geringsten berührten Gemeinden Ungarns und auch des übrigen Europas, mit Ausnahme etwa einiger ihres Chassidismus wegen berühmten russischen und polnischen Kommunen. Sommer und AVinter, frühmorgens und spät abends hatte ich es nie versäumt, beim ersten Anschlagen des Holzhammers an der Tür — dieser vertrat damals den zur Gottesandacht einladenden Glockenruf bei den Tuden — mich sofort in die Synagoge zu begeben; meine kräftige, sonore, jugendliche Sümme übertönte schon frühe die Schar der Betenden und hatte mich zu einem Knaben gottgefälligen Lebenswandels gestempelt. Lieber wäre ich dem Hungertode zum Opfer gefallen als einen Bissen . nicht rituell bereiteter Speisen in den Mund zu nehmen und Fleisch oder Milchkost ohne Beobachtung der gebotenen Zwischenzeit von 6 Stunden zu gemessen. In der Angsvtj den Kopf zu entblossen," hatte ich ihn bis über die Ohren in die Kappe gesteckt. Um das Wort Kreuz nicht in denMund nehmen zu müssen sagte ich Schmeitz, statt Kreuzer also Schmeitzer. Wenn ich zufällig am Sabbat auf der Strasse eine Kupfer- oder Silbermünze auf der Strasse liegend fand, so schob ich dieselbe, da das Berühren mit der Hand für Sünde galt, voll heiliger Scheu mit dem Fuss weiter, bedeckte sie mit Staub, um sie am nächsten Tage holen zu können. Eine Religion, die ihren Bekennern selbst in Vämbery. den geringsten Einzelheiten als Richtschnur zu dienen hat, die ihm einschärft, wie er essen, trinken, gehen, stehen, schlafen, sich kleiden, den Körper äusserlich und innerlich reinigen und bei den verschiedenen Erscheinungen der Natur sich betragen müsse, übt einen tiefen Eindruck auf das jugendliche Gemüt aus, sie nimmt das zarte, aufkeimende Geschöpf vollständig in Anspruch, und sie bemächtigt sich all seiner Sinne und Gedanken." Der hoffnungsvolle Knabe sollte Medizin studieren und Arzt werden. Da aber seine Mutter, arm wie sie war, ihm nicht die nötigen Mittel zum Besuch des Gymnasiums verschaffen konnte, so kam der 10jährige Knabe zu einem Frauenschneider als Lehrer — wer lacht da! —, um seinen Sohn im Hebräischen zu unterrichten und nebenbei auch das Schneiderhandwerk