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Ost und West · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 573 - 574

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Vamberys Memoiren
Date
1905-09-01
Page
Seite 573 - 574 (sequence 4)
Language
German
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573 Dr. Adulph Kohut: Vämberys Memoiren. 574 „Der Obersthofmeister Fürst A., dem ich mich nach der Audienz vorzustellen hatte, empfing mich, trotz der Empfehlung, die ich aus London vom österreichischen Botschafter mitgebracht hatte, mit einer Kälte und einem Hochmut, als wenn ich bei ihm um eine Lakaienstelle angesucht hätte, und während fürstliche Persönlichkeiten im AVesten, ja später auch Kaiser Napoleon III., mir die Hand gereicht und mich setzen hiessen, Hess der österreichische Aristokrat mich zehn Minuten lang stehen, redete mich barsch an und entliess mich mit dem Eindruck, dass ein „Mann des Buches" in Chiwa und unter den Turkomanen besser behandelt wird als in der österreichischen Hauptstadt. Dies kränkte mich um so mehr, als die gesellschaftlichen Zustände auch daheim im Vaterland nicht besser aussahen. Auch hier erhob sich die Scheidewand der Klassen und die Religionsverschiedenheit gleich einem dunklen, undurchdringbaren, mit ekelhaften Figuren bemalten Vorhang vor meinen Augen, und auch hier stellte das Ungeheuer blinder Vorurteile sich mir in den Weg. Laut Kabinettsbefehl des Kaisers war ich der erste Professor, der als Akatholik an der philosophischen Fakultät der Pester Universität angestellt werden sollte; um jedoch die in unberechtigter Weise für ein katholisches Institut erklärte Hochschule durch die Ernennung eines Ketzers nicht zu schänden, wurde mir der Titel „Professor" versagt, und ich musste viele Jahre als „Lehrer" mit dem bescheidenen Honorar von jährlich tausend Gulden fungieren — also eine Bezahlung, die jede anständige Trockenamme in England erhält!" „Um diese Erniedrigung zu rechtfertigen, Hessen gewisse Kreise in Ungarn es sich besonders angelegen sein, meine Verdienste auf jegliche Art herabzusetzen und zu schmälern. Weise gelehrte Männer wollten nämlich die Entdeckung gemacht haben, dass meine Reisen im fernen Osten und meine überstandenen Gefahren und Strapazen, angesichts meines lahmen Beines, eine physische Unmöglichkeit seien. „Der Jude lügt, er ist ein Schwindler und Aufschneider, wie alle meine*; Religionsgenossen" liiss es nicht nur in den Worten der Fama, sondern kam auch in Druckerschwärze zum Ausdruck.....Dreiunddreissig Jahre musste ich in diesem irdischen Jammertal mein Dasein fristen; tausend Leiden physischer und psychischer Art mich unterwerfen, bevor es mir vergönnt war, das überselige Selbstbewusstsein zu erlangen, von nun an nicht mehr wie ein Spielball des launigen Schicksals umhergeworfen zu werden, nicht mehr der quälenden Ungewissheit ausgesetzt zu sein, sondern ruhig und vergnügt dem angestrebten Ziel entgegen zu gehen." In höchst interessanter Weise spricht er sich über den Antisemitismus im Abendlande aus, was bei diesem grossen Kenner der orientalischen und abendländischen Völker, ihrer Religion, Sitten und Gebräuche ganz besonders in die Wagschale fällt. Er sagt u. a.: „In der Geschichte des mosleminischen Ostens sind die Wutausbrüche und Verfolgungen gegen die Juden viel weniger als in der Geschichte nicht nur des Mittelalters, sondern auch des neueren Abendlandes. Was das in Religionssachen bekehrte und über asiatischen Fanatismus spottende Europa unter dem Titel Antisemitismus neuestens gegen die Juden geleistet, das spottet aller Beschreibung und ist wohl dergrösste Schandfleck auf dem Schilde der modernen Kulturwelt. Von diesem scheusslichen Laster sind selbst unsere entschiedensten Freidenker und Atheisten nicht befreit, und die lächerliche Ausrede, dass man den Juden nicht seines Glaubens, sondern seiner von strenger Exklusivität gekennzeichneten Nationalität wegen hasse und verfolge, ist auch schon deshalb albern und hinfällig, da der Jude in Europa überall dem National verbände eines Geburtslandes sich anschliesst, und oft, plus catholique que le pape, noch mehr national als sein christlicher Landsmann sich gebärdet. Der Asiate ist hierin mehr konsequent, er negiert das Nationalwesen im allgemeinen und feindet im Juden nur den Mosaismus an. In Anbetracht dieser Tatsache muss es jedenfalls befremden, wenn der Jude in Europa, der überall als Fremdling erklärt wird, sich gewaltsam in den Nationalverband hineindrängt, er sollte vielmehr einfach sagen: Da ihr mich nicht wollt, so bleibe ich Jude und lasse mich ruhig einen Kosmopoliten schelten." Es unterliegt keinem Zweifel, dass dieses verstockte Vorurteil der Christenwelt im Grunde genommen nur in jenen Tugenden und Charakterzügen wurzelt, welche den Juden zu grösseren Erfolgen im Alltagsleben führen und die als natürliche Folge des Druckes beim Unterdrückten überall wahrzunehmen sind. „Wer die brennende Fackel gewaltsam zu Boden drückt und auslöschen will, dem wird die um so stärker auflodernde Flamme die eigene Hand verbrennen" hat der deutsche Dichter ganz treffend bemerkt. Tyrannen schaden sich selbst am meisten durch die Tyrannei, und wenn die herrschende Christenwelt dem gegenüber wegen der angeblich grösseren geistigen Begabung, Rührigkeit und Ausdauer der sogenannten semitischen Rasse sich zur Gegenwehr berechtigt sieht, so ist sie in einem gewaltigen Irrtum befangen. Der Jude in der Türkei, Persien und Mittelasien ist doch reiner semitisch und mehr glaubensfest als sein Religionsgenosse in Europa, und dennoch kann es keinen ärmeren, hilfloseren und erbärmlicheren Menschen auf Gottes Erde geben als den Jahudi in den genannten Ländern, Wo ist die semitische Geistesschärfe, wo die semitische Rührigkeit und Ausdauer, die der Europäer als gefährliche Rasseneigenschaft hinstellt und fürchte? Der arme Jude in den genannten Ländern wird von Moslimen, Christen und Brahminen in gleicher Weise verachtet, geprügelt und gepeinigt, er ist der Aermste aller Annen und wird, überall von Armeniern, Griechen und Brahminen überflügelt, die dort fast überall dieselbe Rolle spielen, wie in Europa den Juden. Ich wiederhole: der Antisemitismus in Europa ist eine bodenlose Niedertracht, die durch keine, wie immer geartete religiöse, ethnische oder wirtschaftliche Motive gerechtfertigt werden kann, und wenn das Abendland, auf seine Humanität und Gerechtigkeitsliebe pochend, immer nur im verkommenen und verworfenen Asien alles Böse und Verwerfliche finden will, so vergisst man, dass bei uns das Licht einer besseren Kultur allerdings schon hereingebrochen, aber noch lange nicht hoch genug sich erhoben hat, um so manche dunkle Punkte und finstere Winkel unserer Welt beleuchten zu können." Es wäre zu wünschen, dass die so eindringlichen und so wahren AVorte dieses Kosmopoliten, dieses Bürgers zweier Welten nicht unnütz verhallen, sondern überall gelesen und — — beherzigt werden möchten!

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