Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 563 - 564 (sequence 8)
- Language
- German
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Dr. G. Kutna: Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst. ^64 Mersch,--in dieser üppigen, schwülen Umgebung; gesund und lebendig, nackt und schön. In prangender Schönheit steht Eva vor Adam, zu grossartigen Bewegungsmotiven wird das Fassen des Apfels und das Hinreichen, so dass ihre blühende Schönheit eine majestätische Weite gewinnt. Und so reicht sie Adam den Apfel, das blühende Weib dem kraftvollen Mann; und er sieht sie an und nimmt. In diesem schwülen Leben der Genüsse, der Sinne und Säfte nimmt sie und reicht sie den Apfel, und beide wissen nicht davon, dass es in dieser Welt der Genüsse und Düfte auch etwas geben sollte, dass nicht erlaubt wäre, wenn es Genuss ist. Eine Darstellung aus solchem Geiste zeigt daher nur menschliches Dasein in erotischer Erregung, nicht aber eine Verführung durch sinnlichen Reiz. Beide sind von Liebesverlangen erregt, und dies vielfach gerade inlolge des Genusses der Frucht. Adam hält noch den Apfel in der Hand, Eva hat ihn bereits verzehrt (Hans Sebald Beham, Joh. Sadeler u. a.) und sieht ihn schmachtend an. Beide umschlingen sich leidenschaftlich (Dürer, Heinrich Aldegrever) oder sehen sich kindlich verliebt an (Lucas van Leyden). Bei den Italienern bekommt die Szene darum so häufig einen kindlich unschuldigen Charakter, weil diese Indifferenz des sittlichen Ausdrucks um so mehr Raum gibt für Betonung der körperlichen Schönheit und der Be- ALBRECHT DÜRER. Adam und Eva. wegungsmotive. Dies ist bei Rafael (Camera della Segnatura im Vatikan) deutlich erkennbar. Das erstaunte Aufblicken Adams und der ruhig klare Ausdruck Evas sind so neutral in der geistigen Charakteristik, dass sich das Interesse bald auf die Harmonie der Proportionen und die freiheitlich massvolle Bewegung richtet. Ohne diese Sicherheit der ästhetischen Proportionale hat ein Sündenfall des italienisierenden Mabuse (Berlin) in den nachdrücklich betonten Bewegungsmotiven den eigentlichen künstlerischen Vorwurf. In der Spätrenaissance ist dies eine allgemeine Erscheinung. Wie ein kindliches Spiel mit den eigenen Gliedern ohne Zweck noch Absicht erscheint die Bewegung des jungen Menschenpaares. Wenn sich Eva bei Tintoretto (Venedig, Akademie) wie; sinnend nach vorn neigt und Adam eine Spanne zurückweicht, da sie ihm den Apfel reicht, so dient dies alles nur dem Ateliergedanken, eine zwiefache Diagonale zu schaffen aus der Vorn- und Rückenansicht zweier Menschen. Zu froher Bewegungals Selbstzweck entwickeln die jugendlichen Leiber ihre geschmeidige Schönheit bei Francesco Alb an i (Brüssel). Trotz der michelangelesken Lagerung Adams haben diese schönen Akte keinerlei innere Bedeutung. In rhythmisch leichtem Spiel bewegen sich die Arme, knospenhaft jung leuchten die Körper, und in halbreifem Verlangen tauchen die dunklen Augen ineinander. Noch mehr wird diese Kindlichkeit im 18. Jahrhundert unwahr; sie ist nur süssliche Sinnlichkeit und dekorative Verschämtheit. So gehaltlos ist der Inhalt für diese Kunst geworden, dass man unter all den Amoretten, mythologischen und allegorischen Gestalten die Stammeltern und ihre Geschichte nur schwer erkennt. Auch in der deutschen Kunst war dies nicht besser, und erst nachdem die Kunst durch Wahrheit wieder belebt wurde, gibt es wieder Paradieseszenen von kindlicher Empfindung. Solche hat Hans. Thoma mehrere geschaffen. Eva reicht Adam den Apfel, und Adam blickt hin wie eine staunende Kinderseele. In traumhafter Unschuld steht ihr Wesen dabei, da sie sündigen, und Bewusstsein und Verantwortlichkeit sind fern in weiter Zukunft. Reich und duftig blüht die sinnende Natur um sie her, und alles ist lächelnd wie ein stilles Märchen. Während bei solchen Darstellungen beide gemeinschaftlich, dem Reiz der Sünde verfallen, und Eva nur voreiliger ist als Adam, gibt es eine allgemeinere Form der Darstellung, in der das Weib als die Verführerin geschildert wird. Dies entspricht ja auch der biblischen Fassung, wurde von den weiberfeindlichen Strömungen der Kirche begünstigt, und reizt den modernen Künstler. dazu, die Macht des Weiblichen in der wechselseitigen Ueberlegenheit der Geschlechter zu schildern. Diese Schilderung hat nicht dann ihre stärkste Anziehung, wenn die Macht des Weibes in der sinnlichen Schönheit besteht, vielmehr dann, wenn es alle geheimnisvollen Reize seiner rätselhaften Natur spielen lässt und seine Schlauheit und Glätte, seine Liebe und Schmiegsamkeit zusammenwirken, mit dem betäubenden Aroma seines ganzen Wesens. In zyklischen KUPFERSTICH.