Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 561 - 562 (sequence 7)
- Language
- German
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561 Dr. G. Kutna: Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst. 562 und darum ist sein ganzes "Wesen so trunken bewegt. So berührt sich das rein Zuständliche in Form erotischer Bewegung mit der Erscheinung bestimmter Aktivität. Auch Lucas Cranach hat bei seinen vielfachen Darstellungen von Adam und Eva ein solch doppelteiliges Nebeneinander (Dresden, Florenz u.a.),wo die isolierte Umrahmung beider durch einheitliche Bewegung und Gemeinsamkeit des Affekts aufgehoben wird und beide Teile leicht zu einem einheitlich belebten Historienbild verschmelzen. Auf dem Dresdener Bilde wird dies noch durch den geteilten Baum deutlicher gemacht, der die beiden Bildhälften begrenzt und das Landschaftsbild durchschnitten erscheinen lässt. Cranach ist hier klarer und künstlerisch naiver als Dürer, aber er ist auch oberflächlicher, aufdringlich und sch watzb aft. Seine Eva ist ein kokettes, frühreifes Geschöpf, von steifer Zierlichkeit, mit verkümmerten Formen und unwirklich in der Geschlechtsqualität. Appetitlich ohne jede Schönheit, schnippisch und nicht frisch, altklug und arm an Geist, lüstern ohne Liebeswärme. So hält sie Adam den Apfel hin, bewusst verführerisch und mühelos überlegen. Adam steht unschlüssig, er kraut seinen Kopf und blickt sie an, doch so ausdruckslos ist seine Erscheinung, dass seinem Bedenken jeder gedankliche Hintergrund fehlt und seinem Zaudern die glaubwürdige Willensbetonung. Alles ist ausdrücklich gesagt, und doch versteht man nicht; alles ist breit erzählt, und doch ist der Sinn der Erzählung so eng. Das Erotische ist bei Cranach auch auf den Bildern und Stichen das wesentliche Moment, wo er direkt den Sündenfall als Historie behandelt; doch ist er bei einzelnen dieser Darstellungen tiefer und poetischer. Da stehen die beiden sinnend neben dem Baum (München), um über ein letztes Bedenken hinwegzukommen, worauf die Schlange begierig lauert. Lebendig fasst die derbe Eva ihren Mann um den Nacken (Stich von 1509), während sie frisch zum Baume greift, um einen zweiten Apfel zu pflücken. Seicht dagegen ist auf einem an naiver Schönheit sonst reichem Bilde (Wien, Berlin?) die Art, wie Eva backfischhaft frech vor der menschlich ehrwürdigen Gestalt Gottes steht und in der linken. Hand schon heimlich die verbotene Frucht hält, die sie dann hinten in der würzigen, lächelnden Landschaft verzehren. RAFAEL. Adam und Eva. (Wandgemälde in den Starizen des Vatikans.) Wie bei Cranach hat die Landschaft in der nordischen Kunst auch sonst häufig die Wirkung, der erotischen Erregung das Unzarte und Indiskrete zu nehmen; und was bei den Italienern durch eine Dezenz des Geschmackes berechtigt ist, das hat hier eine natürliche Berechtigung in dem umgebenden Wachstum der Natur. Da spriesst es ringsum, die Säfte regen sich, und schwellende Blüten strömen ihren Duft in die warmen Lüfte; ein nacktes Menschenpaar steht unter dem Baum und hält sich fest umschlungen (Jan Gossaert, gen. Mabuse). Die Glieder schmiegen sich aneinander, die Arme umschlingen den Nacken, und Brust lehnt sich an Brust. Erstaunt, wie fragende Kinder blicken sie zum Baum auf und nehmen den Apfel und sündigen zusammen, ohne Geschiedenheit der Persönlichkeit, ohne Verführung und Ueberredung, zusammen berauscht von Leben, Wärme und Lust. Inmitten einer überquellenden Vegetation der Fauna und Flora, die Jan Brueghel gemalt hat, zeigt Rubens das erste Menschenpaar bei seiner Sünde (Haag). Alles schäumt lebendig ringsum und ist übervoll an Leben und Lebenssaft; Tiere und Pflanzen sind üppig und voll heisser Daseinslust. Und darin der