Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 559 - 560 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583940-2592581--05448-2592655- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
559 Dr. G. Kutna: Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst. 560 Dasein erscheint, da kann die Schönheit nicht ferne sein. Statuarisches Dasein und objektive Zuständlichkeit verlangte der kirchliche Zweck, das war der Kunst recht; dem konnte sie genügen und dann in Freiheit die eigenen Ziele verfolgen. Es ist derselbe Prozess der künstlerischen Belebung, wie bei den Heiligen der Kirche, nur dass bei Adam und Eva in der Nacktheit günstigere Bedingungen gegeben sind. Unsichtbar heimlich kommt Leben in die Gestalten, sie werden wärmer und vertrauter und lächeln dann wie verwandte Wesen. Die Glieder werden belebter und die Haltung organisch bestimmter, als erwache innen das Dasein aus schwerem Schlummer. Die Augen blicken halb erstaunt, als beginnen sie Längstvergessenes zu erkennen, und die ganze Erscheinung kehrt sich dem Lichte zu, als schwebe soeben eine dunkle Wolke hinweg. In fanatischer Schroffheit zeigt sich eine solche Rückkehr zur Wirklichkeit bei Jan van Eyck an den Flügeln des Genter Altarwerkes (1432). Da stehen Adam und Eva (Brüssel) in porträthafter Bestimmtheit vor uns. Nur noch ein leises Bangen liegt in ihrem Wesen, eine letzte Befangenheit in der Erscheinung. Aber alles Einzelne ist getreu nach der Wirklichkeit, liebevoll der Natur abgelauscht. Ruhig stehen sie da und sinnen. Eva hält die Frucht (eine Zitrone) in der Hand, und beide bedecken den Schoss mit Baumblättern. Damit ist ihre ideelle Bedeutung an- JAN GOSSAERT (MABUSE). OELGEMAELDE ca. 1530. Adam und Eva. (Museum, Berlin.) gezeigt, während der ganze künstlerische Eifer sich darauf richtet, die Formen und Eigenheiten bestimmter menschlicher Personen wiederzugeben. Bei diesem Realismus ist jedes Detail in solch bestimmter Betonung wiedergegeben, dass die grosse Linie gestört wird und der Charakter der Menschlichkeit beengt ist. Tiefer erscheint des Menschen Wesen bei Adam und Eva auf dem Flügelaltar Hans Memlings (Wien), und gerade die Befangenheit ihrer Erscheinung lässt ihr Wesen um so bedeutsamer erscheinen. Bange und heimlich stehen sie mit ihrer Frucht in der Hand, und kindlich versonnen bedecken sie den Schoss. In eine lauschige Stille ist ihr Leben gehüllt, verschämt flüsternd ist die Sprache ihrer Schönheit. Irgendwo scheint noch eine Hülle um den nackten Körper zu liegen, nur zaghaft wagt er sich ins Licht und hat den Charakter und den Reiz eines halbverratenen Geheimnisses. Die Bestimmtheit und Einheit der Rhythmik fehlt, die einzelnen Glieder, besonders bei Eva, sind zu selbständig in ihrer formalen und dynamischen Bedeutung, und der ganze Körper ist nicht tragfähig genug für die Tiefe der Seele. Denn in der Seele hat bei Memling alles Dasein sein Leben und seine Schönheit. Still leidende Unschuld, weise schweigende Kindlichkeit und abgeklärte, dankbare Wehmut ist für Memling menschliches Wesen, und in alledem spielt unbewusst traumhaft eine demutsvolle Andacht. Nur fehlt es dem Körper darum an freiheitlicher Schönheit; er ist unbekleidet, doch ist er nicht nackt, darum kann er nicht rein sein, er ist nur züchtig. Von der hohen Stirn dieser Eva gliedert sich die feine Nase lang nach unten zu, der kleine Mund, das schlanke Gesicht und die leise Biegung des Kopfes -verstärken den Eindruck der veitikalen Richtung, das Auge mit seiner tiefen Beseeltheit bewirkt weiter ein Vorherrschen des geistigen Menschen. Es ist, als lege der Geist sich als Hülle um den Körper und als gleiten diese -Augen über ihn hin und weben Schleier um die feinen Glieder; und dies wird glaubhaft durch die Lage des losen Haares, das sich wie ein Mantel um die Schultern legt, als werde es den ganzen Körper verhüllen. Offen sichtbar ist die Wandlung von der standbildlichen Steifheit zu lebendiger Frische bei Dürers Oelbild vom Jahre 1507 (Madrid und Pittipalast). Nur die Form der Umrahmung als zwei einzelne Teile ist die frühere, die Gestalten selbst haben Schönheit zum Selbstzweck, und ihre innere Würde ist Liebesverlangen und menschlich heiteres Gebaren. Eben erblüht, schlank und frisch ist der italienisch geschaute Körper Evas. In Haltung und Lebensgefühl massvoll und lebendig zugleich, weich fliessend spielen die Linien um den Körper, zwanglos frei scheint die Form, und doch liegt eine Bestimmtheit der Richtung in der Erscheinung, die erkennen lässt, dass dieses natürliche Leben eine bestimmte Bedeutung hat. Nun wird uns die Linie klar. In weicher Muskelspannung ist der Arm eingezogen, dessen Hand den Apfel gefasst hat, wellenförmig zieht es sich über den Nacken hinüber zur andern Seite, wo Adam steht, und zuckt auf letzter Peripherie in dem Spiel der rechten Hand am Baumzweig. Dorthin neigt sich auch der Körper in biegsamer Wendung, die Beine wiederholen es leicht und schwank, der Kopf und sein Ausdruck geben diesem verführerischen Hinüberneigen die geistige Klarheit, was auch der knospenfrische Busen in zarter Delikatesse ausdrückt. Darum ist der jugendlich kräftige Adam so weich in Haltung und Ausdruck, darum glänzen seine Augen wie von Wonne berauscht,