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Ost und West · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 557 - 558

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
Date
1905-09-01
Page
Seite 557 - 558 (sequence 5)
Language
German
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557 Dr. G. Kutna: Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst. 55S P. P. RUBENS UND JAN BRUEGHEL. OELGEMAELDE. Adam und Eva im Paradiese. (Kgl. Galerie, Haag.) ragend an Wesen. Gott hat nicht mehr den Charakter einer einzelnen Persönlichkeit, sondern den Charakter einer unendlich umfassenden Macht, die sich in die Form der menschlichen Gestalt und der menschlichen Affekte gekleidet hat. Bei solchen Darstellungen geht nur das Wollen leicht über das Können, und es fehlt an jener unmittelbaren Notwendigkeit, die der künstlerischen Schönheit die überzeugende Macht gibt. Denn was bei aller Idee und Vision von der Erhabenheit Gottes das Letzte und Höchste einschliesst, ist ja jenes unaussprechliche Erlebnis, das sich in seiner überwallenden Gefühlsmasse aller Vorstellung und aller Anschauung entzieht. Und was bei Hiob und den Propheten hinter den Worten in den Tiefen nachzittert, fügt sich nicht in die engere Bestimmtheit der künstlerischen Form. Bestimmter und fügsamer der Anschauung wird die Erscheinung Gottes in seiner Grösse, wenn er innerhalb der Grenzen vertrauter Menschlichkeit die höchste Anschauung gibt von menschlichem Pathos und menschlichem Ethos. Das ist ein Gipfelpunkt auf dem Wege der Befreiung. Der Mensch war befreit und mit ihm der Geist und die Kunst, darum spürt man sein Dasein in allen Gebilden seiner Schaffenskraft. Anders am Beginn der Entwicklung. Da war der Mensch nicht befreit und — nicht entdeckt; und wo man den Menschen zu finden wähnt, da steht seine Gestalt bange am Wege, als habe er seine Heimat verloren und soll nun Wegweiser sein in fremde Lande. Dies ist die Mission Adams in der spezifisch christlichen Kunst. Sünde und Tod ist das Schicksal des Menschen, und an Sünde und Tod soll der erste Mensch mahnen, der sie in die Welt gebracht hat. Nicht zum Leben weist der Mensch, mit dem das Leben beginnt; er soll hinaus mahnen über das Leben hinweg, und aus seinem Dasein spricht ein stilles Memento mori. In den ersten christlichen Jahrhunderten werden Adam und Eva vornehmlich an Sarkophagen dargestellt. Neben christlichen und antiken Symbolen des Todes und der Erlösung stehen auch Adam und Eva, umgeben von symbolischen und allegorischen Gegenständen, die den religiös-didaktischen Charakter der Darstellung deutlicher machen. Diese Bedeutung hat das Paar aber bald nicht allein an Sarkophagen; ihre Gestalten an den Portalen, Vorhallen und Fassaden der Kirchen sind aus demselben Sinn und Bedürfnis geschaffen und behalten diesen inneren Charakter trotz des Stilwandels mehrerer Jahrhunderte.! In statuarischer Isoliertheit stehen sie im „Paradies* am Portal, geschlechtlos und leblos, in stummerNeutralität gegenüber dem Leben, das sich dort unten auf dem Markte bewegt. Es ist, als wären sie starr geworden und sei ihr Leben plötzlich versteinert, da sie den ersten Schritt ins Dasein getan; so kalt und so fern sind sie in ihrer Stummheit. Und das ist Mahnung genug; die Menschen flüchten scheu in das Halbdunkel der Kirche und beten um so brünstiger in ihrer Angst und beten um ewiges Heil. Nur langsam kommt die Zeit, da man nicht flüchtet, sondern weilt, um den Menschen ' und seine Schönheit zu schauen. So unkünstlerisch und unsinnlich die Darstellung aus dieser abhängigen Auffassung heraus auch sein musste, es war doch der Mensch, den man darstellte, und wo menschliches

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