Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 555 - 556 (sequence 4)
- Language
- German
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555 Dr. G. Kutna: Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst. 556 Stellungen, auf denen drei Personen beim Schöpfungsakt zugegen sind (Biblia sacra, Hoitus deliciarum u. a.), womit die Dreifaltigkeit ausgedrückt sein soll, und wodurch die Indifferenz des körperlichen Lebens noch gesteigert wird. Um so mehr menschlich vertraut ist die Erscheinung Gottes auf den naiven Darstellungen aus dem Geiste des beschaulichen Mönchtums. Da bekommt Gott Züge und Haltung eines milden, stillen Klosterbruders. Als ein würdiger, abgeklärter Geist steht er Adam gegenüber und spricht in brüderlicher Freundschaft zu ihm. Oder er sitzt in seinem langen Mantel und formt unbeholfen und zaghaft an seinem Werk, der Erschaffung des Menschen. Dann neigt er sich nieder und stützt ein zartes Wesen, das aus der Seite des schlummernden Adam heraussteigt; erhebt dabei gütig ermahnend die Rechte und blickt ängstlich zur Seite, ob Adam nicht wach wird. Diese kindliche Vertraulichkeit, mit der Gott in der stillen Zelle angesehen ward, begünstigte die künstlerische Betrachtung und ihr Streben, das Dogma zu überwinden und Leben und Wahrheit zu suchen. Auch noch in der Renaissance ist dieser Geist tätig, und er bringt zu der Schönheit ihrer Gebilde die innere Beseelung und die geistigen Dimensionen. Im Trecento gibt Piero di Puccio (Camposanto in Pisa, um 1390) Gott als eine sentimale Mönchsgestalt, die sich zu Adam neigt, um ihn zu stützen oder die fromme Eva liebevoll aus der Seite Adams herauszuheben. Auch der Dramatiker Giotto gibt Gott bei der „Erschaffung Adams" und der „Erschaffung Evas" (Reliefs am Campanile in Florenz, um 1336) diesen liebevollen, brüderlich vertrauten Charakter. An diese Auflassung; hält sich auch Loretfzo Ghiberti (Florenz, Hauptportal am Baptisterium). Die Berührung zwischen dem Schöpfer und dem erschaffenen Menschen ist eine nahe und intime und hat nichts von der etwas kühlen Grazie, die Ghibertis Stil sonst charakterisiert. Sogar bei dem heroischen Stile Michelangelos ist eine letzte Nachwirkung dieser intimen Auflassung bemerkbar (Sixtinische Kapelle) in der Milde, welche die gewaltige Erscheinung Gottes annimmt, da er Eva gegenübertritt. Viel länger — bis zu Böcklin und L. von Hofmann — blieb diese Auffassung dem deutschen Kunstgeiste eigentümlich. Von geradezu kindlicher Naivität ist es zuweilen, wie Gott in der deutschen Renaissance — etwa bei H. Aldegrever — mit einer Bischofsmütze auf dem Kopfe das zierliche Evaflgürchen behutsam ins Dasein hebt. Mit der Renaissance beginnt aber auch eine andere Auffassung Gottes. Der Gott, den die Kunst mönchischer Frömmigkeit durch Vermenschlichung belebt hatte, verlässt die Grenzen der Menschlichkeit, er dringt auf dem Wege durch den Menschen über den Menschen hinaus und sprengt die Enge seiner anfänglichen Belebung. Nun beginnen Darstellungen, in denen Gott als der grosse Donnerer erscheint, mit gewaltiger Grösse und gewaltigem Zorn. Er wird zum Träger weiter, ewigtiefer Weisheit und unendlichen, unerforschbaren Wollens. Solchen Charakter hat er bei Erschaffung des Kosmos und seiner Elemente und bei den grossen Offenbarungen von weltgeschichtlicher Bedeutung. Die menschliche Gestalt und ihr Ausdruck werden ins Grosse, ins' Allgemeine geweitet; die geistige Gewalt ist anwachsend nach innen und die ganze Erscheinung alles überragend, wenn auch nicht immer an Grösse, aber immer über- ■^W^Äfe* ^m^s^^:^jm^^ i? **- - ■ ifi>-;• ■ *, "*'.' * - '"v ■■ '-'>; ■: ' vi'.:?:-^'' '^'t "~- :> '■■ v Vy.z ' ' -• " ■ . ' :-'f':"'r~r.'<: /"; ::\t^^'^-0^^^ - ' V »»• ■-*^5.^r...v;fv; ■ . ,-\ / -: '.i :-"s£v"-»SvSäi^ '?■ :>\ v-%\ . nß :#v ~% iV"% 4^ / f \. /< 4 ■,i -'" -" Mip/h k < f\' - J^A'tJ l "c'~ >^ M J. D. QÜERCIA. BOLOGNA. Die Versuchung. Die Vertreibung aus dem Paradies. (Relief vom Hauplportal von S. Petronia, seit 1425.)