Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 553 - 554 (sequence 3)
- Language
- German
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553 Dr. G. Kutiia: Die biblischen Gestallen in der bildenden Kunst. 554 MICHELANGELO. Erschaffung des Adam. IM VATIKAN. (Aus den Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle.) solcher Gedankenbildung heraus zeigt die Kunst den ersten Menschen als das Wesen mit dem Drange nach Freiheit, nach Macht und schöpferischer Tätigkeit. So geraten Gott und Mensch aneinander; Gott hat die Gewalt, und der Mensch hat den DraDg, und er hat den Trotz und den Stolz. Trotzig ringt er dort an : den Marken grauer Zeit, um dann heute wieder zu ringen und trotzend zu -verlangen. Die verschiedensten Formen menschlichen Strebens und Geschickes wurden in der Weite dieser Auffassung beleuchtet, doch alle spezifische Formung ist nur Ausdruck für das endlose Epos von Reichtum und Tragik des Mensehen. Die Auffassung des Menschen und seines .Geschickes zeigt jedoch auch hier ihren Einfluss auf die Auffassung der Persönlichkeit Gottes. Zu der natürlichen Neigung, Gott zu vermenschlichen, kam der greifbar anthropomorphe Charakter Gottes in der Bibel und Bilderkult und Heiligenvorstellung der Kirche. DieseKulturrichtungen kamen dem künstlerischen Bedürfnis entgegen, und Gott konnte der Menschlichkeit, ihren Wünschen und ihren Schwächen so nahe gebracht MICHELANGELO. Die Vertreibung aus dem Paradiese. (Aus den Deckenfresken der Sixtinifchen Kapelle.) werden, als es Gemüt und Geist verlangten. In der Zeit des Vorherrsch ens scholastischer Vorstellungen wird Gott als ein allgemeines Symbol des dogmatischen Lehrgebäudes dargestellt. Seine Erscheinung kann darum keine bestimmbare Persönlichkeit umrahmen, sie ist last nur Träger einer mahnenden Geste und des Nimbus. Die Geste ist in ihrer Richtung und Bedeutung von unbestimmter Allgemeinheit und eher geeignet, die Konturen der Persönlichkeit aufzulösen, als ein einzelnes Dasein bestimmter zu machen. Es ist auch nicht Gott und sein Geschöpf, die sich gegenüberstehen, sondern die lehrende Kirche steht am Wege, da der Mensch in scheuer Demut ins Dasein tritt. Häufig trägt der Schöpfer nach christologischer Auffassung auch einen Kreuznimbus, so an der Domtür zu Augsburg (11. Jahrh.). in der Biblia pauperum, ia Miniaturen des 12. und 13. Jahrhunderts und noch beim Meister E. S. 1466. Auch eine weibliche Gestalt tritt bei den Schöpfungsszenen aui, sei es als weibliches Prinzip in der Gottheit oder als Adaria, die sündenreine Tochter Evas. Ferner gibt es auch Dar- IM VATIKAN.