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Ost und West · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 551 - 552

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
Date
1905-09-01
Page
Seite 551 - 552 (sequence 2)
Language
German
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551 Dr. G. Kutna: Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst. 552 Und Gott kommt zu ihr, führt ihr ein Wesen zu und geht von dannen. Nun sind sie bei einander, die Welt <und der Mensch, und blicken sich scheu an. Alle lebendige Schönheit neigt sich vorderSchönheitdesMenschen, und der gebietende Mensch blickt voll Angst und Wonne in sein Reich. Trunken von Reichtum, blickt er sehnsüchtig in die Ferne. Und er schaut und schaut — -Zukunft und Schicksal lagern vor ihm, endlose Dauer und endlose Geschlechter, und Gott ist so schweigsam. Und Staunen und Schlaf legen sich um ihn, und da ■er um sich blickt, sieht der Mann das Weib. Er staunt ob der Schönheit des Weibes und über die Wandlung seines eigenen Wesens, und sie schaut den Mann, 'und — das Weib lächelt in seinem Staunen. Schönheit verlan gtnach Schönheit, ein ahnendes Sehnen zieht durch die Wesen, durch Sinn und Sinne zittern heimliche Wonnen. Die Körper werden schöner in ihrem Zittern und ihrer Wonne, die Seelen blicken scheuer in die Zukunft, und tiefer werden die fragenden Augen. Und da sie sich gegenüberstehen, verlangend die Seelen und die Leiber, Hauch und Hauch sich berührt und Kind dem Kinde lächelt, da kommen Erkenntnis und Wissen und — Schuld. So stellt sich die Folge der Geschehnisse der lyrisch gestimmten Kunst dar; auch der rein artistischen Kunstgestaltung entspricht eine solche Auffassung, da sie gehaltlich wenig abhängig macht und Gelegenheit gibt, höchste Formenschönheit und massvoll bewegtes Dasein darzustellen. Mehr auf inhaltliche Bedeutung "wird das Paar von einer dritten Auffassung angesehen, in der das Moment der Verführung betont wird, meist im Zusammenhang mit den erotischen Beziehungen von Mann und Weib, vielfach aber mit nachdrücklicher Betonung weiberfeindlicher Gesinnung. Diese spricht sich auch in der kirchlichen Auffassung aus, in der Adam und Eva als mahnende Vertreter der Erbsünde LORENZ GHIBERTI. Erschaffung des Menschen. (Vom Oitportal des Bapteriums zu Florenz, vollendet 1432) hingestellt werden. Der persönliche Charakter der Begebenheit ist dabei gleichgültig; der Mensch ist nur der Ausdruck für eine starre, unlebendige Historie. Die Handlung ist von einer fremden Gesetzmässigkeit unverrückbar voraus bestimmt, und die handelnden Personen sind ohne persönlichen Willen und ohne individuelle Farbe. Aber es gibt Naturen und es gibt Stunden, die anders sehen und anderes deuten. Die Kunst und wir sehen auch grössere Gewalten in der Erzählung; lebendige Kräfte walten darin, fern scheinen sie und nahe zugleich. Diese Auffassung ist von persönlicher Belebung, sie sieht eine Historie der Tragik und der dramatischen Affekte. Wir sehen ein titanisches Drama, schaurig dumpf in seiner Reibung und schaurig in seiner Lösung. Den Menschen sehen wir mit den schwerfälligen Kräften und dem ungefügen Bewusstsein der Urzeit. Die Kräfte wollen sich regen, die Spannkraft ■will ausgelöst sein; und Jahrtausende liegen in der Dämmerung geborgen. Die Fragen des Lebens tun sich auf, jede Stunde üat ihre schweigenden Befehle, und Tun und Lassen bestimmen das Schicksal der Zukunft. Für Fragen und Kämpfe, die in jeweiliger Gegenwart die Tiefen aufrütteln, sollen jene ersten Menschen auf den Vorposten der Geschichte ihre Kräfte eingesetzt haben. Geist und Gemüt sind der Vorstellung geneigt, dass Mensch und Schicksal sich bekämpft haben, da sie sich zum ersten Male begegnet in Nebel und Dämmerlicht der Urzeit. Zahllose Schicksale umschleichen den Menschen, zwischen unendlichen Möglichkeiten windet sich jeder Schritt, und all dem setzt sich der Mensch entgegen, und trotz Naturmacht draussen und trotz eigener Vergänglichkeit schafft er die Kultur mit ihrem Reichtum und ihrer sündhaften Schönheit. Und dort begann der Kampf, mitten in Not und Oede und Fluch. Aus RELIEF.

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