Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 549 - 550 (sequence 1)
- Language
- German
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549 550 DIE BIBLISCHEN GESTALTEN IN DER BILDENDEN KUNST. Von Dr. G. Kutna. Adam und Eva. tJ Nachdruck verboten. VAN EYCK. Adam. Flügelbild des Gentner Altarwerk, vollendet 1432 (Museum Brüssel). In der Erzählung der Bibel vom ersten Menschenpaar war der Kunst ein Motiv zur Behandlung gegeben, das immer reich blieb an Schönheit, soviel man auch daraus schöpfen mochte; und soviel die Zeiten auch an der Auffassung der Erzählung änderten, sie machten sie nicht ärmer an Gehalt. Mit ihrem ersten Stammeln versuchte sich die Kunst der christlichen Zeit an dem Gegenstand, und als sie reich geworden war an Können und Kultur, da tat sie es nicht minder. Es war eine Gunst der Geschichte, dass die abendländische Kunst in dem Vorstellungsleben der Völker einen Stoff vorfand, in dem sich so viele Seiten der Menschlichkeit auftun. Und früh hatte dies die Kunst erkannt. Noch lange, ehe die Wissenschaft Schönheit und Tiefe in diesen Erzählungen entdeckt hatte., hatte sie die Kunst erkannt, und erst als die Wissenschaft gelernt hatte, auch künstlerisch zu sehen und zu deuten, da erkannte sie den Inhalt und die Form und die lebendige Schönheit. Sprache und Geist der Erzählung sind von bildnerisch gestaltender Lebendigkeit, sie schaffen einen Zusammenhang, in dem alles sich von innen heraus zur Wahrheit gestaltet; Märchen und Geschichte werden eins, und Vorstellungen werden in uns erweckt, schaurig und süss. In üppig schöner Landschaft bewegt sich der Mensch int dem Zauber seiner Leibesschönheit, und dieser Leib ist das Gefäss für das ewigtiefe Mysterium: menschliches Dasein und menschliches Schicksal. Und das Schicksal kommt. Sehnsucht erwacht, Verführung kommt geschlichen, die Lust lockt flüsternd, und die Unschuld ist ein Kind. Uer Abendwind säuselt, hinter den Bäumen erscheint Gott und nimmt Kindheit und Unschuld mit sich fort. Nun gibt es eine Vergangenheit der Schuld und eine Zukunft der Leiden. Not und Hass, Mord und Verzweiflung lauern an der Mauer und legen sich wie stumme Schatten um den flüchtigen Menschen. In diesem allgemeinen Zusammenhang gab es für die Kunst sinnliche Bestimmtheit genug, um schöne Lebendigkeit und bedeutsames Dasein darzustellen. Aber auch das Einzelne in der Erzählung hatte Tiefe genug, um in seinem besonderen Geistesgehalt grosse Gedanken- und Bilderfolgen zu erwecken. Die Probleme, die den Erzählungen zugrunde lagen, hatten für jedes tiefer forschende Sinnen unmittelbares Interesse, und darum wurde ferner der denkende und bildende Geist angeregt, Vorstellungsbilder von Ursprung, Wandel und Dauer des Lebens in selbständiger Form zu erzeugen. Mehr oder minder in Anlehnung an Text und Sinn der Bibel wurde die Vorstellung der biblischen Paradieseszeit in Kunst und Geistesleben zu Dimensionen ausgespannt, in welchen sie tiefe Fragen des Menschendaseins umfasste und sie in Zusammenhang setzte mit Weltordnung und Ewigkeit: Es gab einen Anfang der Welt, aus dem Chaos entstand Ordnung und Mass und blühende Schönheit. So liegt die Welt da, jung und gehorsam und ist gewärtig ihrer Bestimmung. Eva. VAN EYCK. Flügelbild des Gentner Altarwerk, vollendet 1432 (Museum Brüssel).