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Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 517 - 518

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
Ein Erlebnis
Date
1905-07-01
Page
Seite 517 - 518 (sequence 6)
Language
German
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M. Spektor: Ein Erlebnis. 518 „Ach, Onkel, Euer Portier ist ja ein Antisemit, ein Judenfresser . . ." „Schön, schön, aber du kannst schon fahren, fahre nur in Gottes Namen, deine Frau und Kinder sehnen sich ja gewiss schon nach dir . . ." „Ich fahre, Onkel, ich bin schon fertig ..." „Du -wirst gut daran tun. Du bist ja kein Knabe mehr. Siehst ja selber, dass es keinen Zweck hat, müssig in Odessa herumzugehen . . . Beeile dich also, so lange du noch das Geld hast, welches ich dir gegeben habe." Obgleich Chajim-Chajkel längst entschlossen war, abzureisen, machten auf ihn die freundliche Miene und die gütigen Worte des Onkels so grossen Eindruck, dass er augenblicklich allen Groll vergass, und es ihm plötzlich schwer wurde, vom Onkel, vielleicht für immer, zu scheiden. Rührung und Heiterkeil übermannten ihn, und er schwatzte lustig drauf los: „Bleibt mir gesund, lieber Onkel, gesund und glücklich . . . gehabt Euch wohl . . . aber, ich hätte . . . noch eine Bitte . . ." „Was denn?" „Ihr erinnert Euch wohl noch meines kleinen Jankele . . . dieses hübschen Kindes . . . nach Hause zu kommen und ihm nichts mitzubringen . . . das ist ja ein Kind . . ." Der Onkel zog eine Klingel. Ein Dienstmädchen trat ein. Der Onkel sagte ihr einige Worte auf deutsch, und nach einer Weile brachte sie ein riesiges Bündel getragener Kleider herein. „Nimm dieses Bündel," sprach der Onkel, „es wird für alle deine Kinder ausreichen." Chajim-Chajkel erbebte vor Freude. „Dass Euch Gott hundertundzwanzig Jahre leben lasse, lieber Onkel! Dass Ihr an Euren Kindern Freude erlebet und Gottes Gnade Euch nie verlasse! Möge er Euch über Eure Brüder erhöhen, damit Ihr ihnen durch Eure Güte beistehen könnt .... Gehabt Euch wohl, Onkel, bleibt gesund . . ." „Glückliche Reise! Grüs-e von mir Frau und Kinder." „Bleibt mir gesund und glücklich Euer ganzes Leben." Der Onkel begleitete ihn bis zur Treppe hinaus, und der unten stehende Portier konnte ganz genau sehen, wie sein Herr ihm, Chajim-Chajkel, die Hand reichte . . . Chajim-Chajkel war überglücklich und empfand nebenbei eine aufrichtige Schadenfreude. Den schweren Kleiderbund unter dem Arm schritt er, stolz wie ein König, durch den Torgang. Draussen wandte er sich noch einmal um und mass den Portier mit einem triumphierenden Blick: „Na, du Antisemit? Schmeckt dir deine Demütigung wohl? .... Möchten doch alle Judenfresser bald eine solche Niederlage erleben ... Du lieber Himmel!" Chajim-Chajkels Segenswünsche hatten dem Onkel sehr wohlgetan, und während er sich auf das weiche Sofa in seinem prachtvollen Kabinett hinstreckte, schmolz sein Herz in Wohlbehagen dahin, und er sann nach über seinen armen Verwandten . . . „Wie aufrichtig und treuherzig diese schlichten Kleinstädter sind! . . . Ich fühle, dass seine Segenswünsche aus tiefstem Herzen kamen . . . Wie anders als diese Grossstädter, hinter deren glatten Reden sich Heuchelei und Trug verbergen ... Es kam von ganzem Herzen, als er mir wünschte, der Himmel möge mich über meine Brüder erhöhen . . . hm . . . damit ich ihnen durch meine Güte beistehen könne . . . Wie schön das gesagt ist!" Doch nach einer Weile vergass er den armen Verwandten mit seiner ganzen Aufrichtigkeit und Treuherzigkeit, und die schweren Sorgen des Alltagslebens nahmen seine Gedanken in Anspruch. Das neue Gut, welches er im vorigen Jahr bei Herrn von Zarecki gekauft, die Dampfmühle, die er in seinem alten Gut erbauen liess, und die in wenigen Tagen feierlich eingeweiht werden sollte, das Paar arabischer Pferde, das ihm ein Edelmann seiner Bekanntschaft zum Geschenk gemacht hatte . . . Ferner sann der Onkel nach über Fräulein Maria Iwanowna, die er den ganzen Winter in Odessa behalten wollte, seiner Frau zum Trotz und zum Aerger; über die grosse Synagoge, in der er neue Ordnungen einführen wollte, damit alle Welt sich überzeuge, was ein Vorsteher wie er zu leisten vermochte; über seinen Sohn Boris, den er für den Winter nach dem Ausland schicken wollte, damit er sich die Welt ein bisschen ansehe; dort mag er treiben, was ihm beliebt, nur soll er nicht mit Maria Iwanowna allzu intim werden. Und noch über vieles andere sann der Onkel nach, während er auf dem weichen Sofa in seinem prachtvollen Kabinett ruhte. Chajim-Chajkel hatte mittlerweile in fröhlichster Stimmung den Zug erreicht, sich in einem Coupe dritter Klasse ein Eckchen erobert und sein Kleiderbündel hingelegt. Eine Stunde lang lauschte er dem Pfeifen und Schnauben der Lokomotive, und das Gerassel der Räder tönte in seinen Ohren wie angenehme Musik. Doch je länger es daueite, verliess ihn seine Fröhlichkeit immer mehr. Andere Gedanken beschlichen ihn. und die rollenden Räder fingen an, ihm ein ganz anderes Lied zu singen. Ohne zu wissen, wie es ihm ward, sprang er plötzlich in die Höhe: „Was? . . . Was habe ich getan?" Und er blickte eine Weile auf das Bündel alter Kleider neben ihm, als wäre es verbotene Ware. „Was hab ich nur getan?! . . . Eine solche Schmach! . . . Wie hat man ihn in meinem Hause behandelt, und wie wurde ich von ihm empfangen? . . . Nicht einmal zum Essen lud er mich ein, nicht einmal die Tante zeigte er mir! . . . Vor fremden Leuten schämte er sich mein . . . Ich lief hinter seinem Wagen einher . . . Und am Ende nahm ich noch diese Kleider von ihm an." Chajim-Chajkel wurde immer bitterer. „Oj, wenn ich nur jetzt noch die fünfundzwanzig Rubel besässe, wenn ich sie ihm wiedergeben könnte . . . Und er? Er war entzückt ... Er . . . Aber was kann ich ihm vorwerfen? . . . Das ist immer so. Für ein Bündel Lumpen und ein paar gute Worte kaufen die Reichen das Herz der Armen, und diese gehen hinaus und preisen ihren Grossmut in den Strassen ..." „Geschieht mir recht, ganz recht!" Er hatte eine schmerzliche Freude daran, seinen Aerger zu reizen. „Warum mache ich keine Umstände, wenn mich der Onkel aus Berschad besucht? Alle sitzen zusammen bei Tische, und man isst dasselbe, was alle Tage, Sauermilch mit Klössen und Klösse mit Sauermilch. Weshalb dieser Aufwand, als jener kam? Habe ich jemals etwas von ihm verlangt? . . . Nein. Tausendmal nein! Ich will lieber zu meinen Brüdern die Hand ausstrecken, lieber unter meinen Brüdern betteln gehen, als auch nur das Geringste von meinem reichen Onkel annehmen, der als grosser Wohltäter berühmt ist."

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