Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Ein Erlebnis
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 519 - 520 (sequence 7)
- Language
- German
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519 M. Spektor: Ein Erlebnis. 520 Er sah sich um, und als er merkte, dass er allein geblieben war, öffnete er das Fenster und schmiss das Bündel alter Kleider, das der Onkel seinen -Kindern zum Geschenk gemacht hatte, hinaus. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. „Jetzt bin ich kein Bettler mehr . . . Jetzt bin ich wieder, was ich war, ein Bürger von Zizelnik . . Er seufzte erleichtert auf. * * Zu Hause angelangt, wurde Chajim-Chajkel von seinen Bekannten mit den verschiedensten Fragen bestürmt: „Wie gehts dem Onkel? Hat er dir eine Anstellung gegeben? Hat er dir Kredit auf "Waren verschafft?" Und so weiter, und so weiter. Chajim-Chajkel hatte auf alle diese Fragen nur eine einzige Antwort: «Tot!" „Wer ist tot?" „Der Onkel!" „Der Onkel tot?" „Tot, tot!" Es war unmöglich, von Chajim-Chajkel eine andere Antwort herauszubekommen, als: „Tot, tot!" Als die Zizelniker das hörten, sprachen sie den demütigen Lobspruch, der beim Vernehmen einer Trauerkunde vorgeschrieben ist: „Baruch dajjan haemeth!" („Gebenedeiet sei der treue Richter!14) AUS DER JÜDISCHEN SAGEN- UND MÄRCHENWELT. Von Bar-Ami. Der Fuhrmann im Himmel. Einmal am Freitag abends nach der Heimkunft vom Gottesdienst, als Rabbi Meirel Promyslaner das Lied sang, mit welchem die Wochentagsengel verabschiedet und die Friedensengel des Sabbat begrüsst werden, brach er plötzlich ab, versank in ein Sinnen, und es dauerte eine lange Zeit, bis er erwachte. Die Nahestehenden fragten ihn, wo er so lange geweilt und was er erlebt habe; da erzählte er ihnen folgendes: Während ich den Wochentagsengeln das Geleite gab, gelangle ich zu den Pforten des Paradieses. Ich warf einen Blick hinein und sah, es stand ein schwerer Lastwagen da, mit zwei Pferden bespannt, die ein kräftiger, hochgewachsener Fuhrmann antrieb, während er von Zeit zu Zeit laut mit der Peitsche knallte. Darob war ich sehr erstaunt. Was hatte da solch ein Fuhrmann mit Wagen und Pferden im Paradiese zu schaffen, und noch dazu an einem so vornehmen Platze? Auf meine Frage ward mir folgendes zur Antwort: Dieser Fuhrmann heisst Reb Israel. Bei Lebzeiten war er ein arger Sünder, ein loser Vogel, der keinem Frevel aus dem Wege ging, aber eine gute Tat, die er vollbrachte, öffnete ihm die Pforten des Paradieses. Das war so: An einem Wintertage, da ein grimmiger Frost herrschte, fuhr Israel Fuhrmann mehrere Passagiere nach Sokal; alle waren in warme Pelze gehüllt und hatten sich in das Innere des gedeckten Schlittens hineingepackt, den Fuhrmann aber litt es nicht auf dem Bock, er stieg hinunter und schritt neben dem Schlitten einher. Da stiess sein Fuss an etwas Hartes, das unter dem Schnee verborgen lag. Der Fuhrmann blieb stehen, bückte sich und sah näher zu. Er zog unter dem Schnee einen erstarrten menschlichen Leib hervor, der hier schon mehrere Stunden dazuliegen schien. Er fing an, den leblosen Körper mit Schnee einzureiben, und goss ihm Schnaps in den Mund, wovon er stets eine volle Flasche bei sich hatte, dann hüllte er ihn in seinen eigenen Pelz und legte ihn auf den Schlitten. Als der Erfrorene ein wenig zu sich kam, erzählte er, dass er eben zu seinem Zaddik nach Beiz auf den Sabbat pilgerte, und da habe ihn die Müdigkeit übermannt und er sei eingeschlafen. Der *) Siehe „Ost und West" Heft IV. V.-*) Nachdruck verboten. Fuhrmann, von Natur ein plumper und ungeschlachter Mensch und ein Flegel dazu, konnte natürlich keine Ahnung davon haben, was das bedeute, zum Zaddik auf den Sabbat zu pilgern, und dass weder Fröste, noch Wolkenbrüche, noch sengende Hitze imstande wären, die Seele, die sich nach ihrem Zaddik sehnt, zurückzuhalten. Er fing also an, sich über den armen Chassid lustig zu machen und ihn zu verhöhnen. „Ach, Du dummer Mensch, Du armer Krüppel, Du Taugenichts! Wie kann man bei solchem Frost eine so weite Reise zu Fuss antreten, und noch dazu in so federleichten Kleidern. Zum Rebbe wollte er gehen! Auch ein wichtiges Geschäft! Kann der Rebbe nicht einen Tag warten?" So spottete er über den erfrorenen Chassid, der mittlerweile im warmen Pelz dalag und zähneklappernd Gott dankte und seinen Retter segnete. Sie kamen nach einem Wirtshaus, um Rast zu halten. Der Wirt hiess den Fuhrmann freudig willkommen. Dieser brachte ihm allemal Gäste, die ihm Geld zu verdienen gaben, daher machte ihm seine Ankunft stets Freude. „Fleute müsst ihr mir eine doppelte Portion verabreichen," rief ihm der Fuhrmann entgegen, „ich habe da unterwegs einen armen Teufel von einem Chassid aufgelesen, einen Krüppel, einen närrischen Kauz, der beinahe unter dem Schnee erfroren wäre." Er sättigte den armen Chassid, und hörte nicht auf, nach seiner Art sich über ihn lustig zu machen. Dann brachte er ihn nach Sokal und dort wollte er ihn seinem Schicksal überlassen, dass er seinen Weg nach Beiz zu Fuss fortsetze. Aber er überlegte es sich: „Wie kann ich solch einen ungeschickten, dummen Menschen allein auf den Weg lassen? Der kann sich ja noch einmal hinlegen und umkommen, zum Teufel." Er brachte ihn daher im Schlitten nach dem ersehnten Beiz. Der Chassid lebte nach jenem Ereignis noch zwei Jahre, die er dem Studium der Thorah, dem Gebet und der Busse widmete- Das alles tat er aber in stetigem Denken an die Seele seines Retters. Als er starb und auf die andere Welt kam, fragte man ihn, wen er sich zum Gefährten erwähle. Er antwortete: „Ich wähle mir Rabbi Israel Fuhrmann." Man suchte den Bezeichneten unter den Verstorbenen, aber man fand keinen Mann dieses Namens. Endlich fand man ihn unter den Lebenden. Aber seine Zeit war noch lange nicht abgelaufen. Der Chassid blieb also einsam und wartete geduldig, bis sein Genosse ankam.