Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Ein Erlebnis
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 515 - 516 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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515 M. Spektor: Ein Erlebnis. 516 „Ich bin hier schon seit drei Tagen . . . Euer Portier. Onkel, ist ein schrecklicher Antisemit, Hess mich nicht zu Ihnen hinein . . . Ich begreife nicht, Onkel, wie ein Jude einen solchen Judenfeind bei sich im Hause halten kann ..." „Der Mann dient bei mir schon zehn Jahre . . . ein sehr braver und ehrlicher Mensch ..." „Hm . . . braver und ehrlicher Mensch . . . jawohl ..." dachte Chajim-Chajkel und erinnerte sich an seine letzten paar Kopeken. „Na, warum bist du so schweigsam, Chajim- Chajkel? Was gibt es neues bei euch? . . ." „Ach, was für neues kann es bei uns geben? Gottlob ..." „Wie geht's deiner Frau und deinen Kindern? Ich glaube, Kinder hast du ja auch?" „Ha, ha, ha! Welche Frage! Habt Ihr schon mein kleines Jankele vergessen, dem Ihr einen Kuss gabt?" „Na, und wann fährst du nach Hause? Grüss deine Frau von mir." Der Onkel wollte ihm die Hand reichen, doch er erwiderte: „Nein, nein, ich bin noch nicht fertig . . ." „So komm ein andermal, wenn du fertig bist.u Er wandte sich um und verliess das Zimmer. Chajim Chajkel blieb verwirrt. Was war denn das? Nicht einmal die Tante hatte er ihm gezeigt, nicht einmal die Kinder bekam er zu sehen. Nicht einen Bissen, nicht ein Glas Tee v\ird ihm angeboten .. Doch er fing an, den Onkel zu entschuldigen. . . . Man darf nicht vorschnell urteilen. Wollen abwarten, was noch kommt. Wer mag wissen . . . Vielleicht . . . Abends kam er noch einmal. Am Abend ist man nicht so beschäftigt, man hat mehr Zeit, dachteer. Diesmal holte er nicht erst die Erlaubnis des Portiers ein, sondern stieg ohne weiteres die Treppe hinan. Doch jener eilte ihm nach und hielt ihn zurück. Mit grosser Mühe gelang es ihm, den Portier zu bewegen, ihn anzumelden. Aber man liess ihm sagen, dass Gäste da seien. Chajim-Chajkel stieg, bitter gedemütigt, die Treppe hinunter. „Vor anderen Leuten schämt er sich seines Verwandten. Andere Leute heissen Gäste und der Schwestersohn ist kein Gast . . ." Am nächsten Morgen fand er den Onkel nicht zu Hause, am folgenden Tage kam er gerade in der Mittagsstunde und konnte nicht vorgelassen werden. Erst am vierten Tage gelang es ihm, den Onkel zu sprechen. „Na, wie geht's, Chajkel? Bist du noch immer in Odessa? Wann gedenkst du nach Hause zu reisen? Oder willst du dich hier länger aufhalten?"' „Das . . . oh . . . hm . . . das hängt von Euch ab, Onkel ..." „Von mir gar . . . Wieso denn?"* rIch bin hierher gekommen . . . Die Zeiten sind nämlich sehr schlecht . . ." Der Onkel zog eine Banknote aus der Tasche und reichte sie ihm. Chajim-Chajkel nahm sie nicht an. „Nimm nur, geniere dich nicht, und fahre nach Hause." „Ich möchte kein Geschenk . . . einen Posten . . . eine kleine Anstellung bei Euch." Bei mir sind alle Stellen besetzt." „Was soll ich also anfangen, Onkel? Ratet mir." „Nimm das Geld und fahr' nach Hause. Einen andern Rat weiss ich nicht. Ich bin sehr beschäftigt ..." -Chajim-Chajkel blieb allein. Einige Minuten schwankte er hin und her, ob er das Geld, das der Onkel auf dem Tische liegen gelassen, zu sich stecken solle oder nicht. Endlich bedachte er seine Lage, er beschloss, noch heute abzureisen, nahm das Geld und verliess das Haus betrübten Gemüts. In der Herberge angelangt, erinnerte er sich an die trostlosen Zustände daheim. Was konnte er da mit fünfundzwanzig Rubeln anfangen? Davon musste er ja auch noch die Kosten der Heimreise abziehen . . . Nein. Nur keinen übereilten Schritt. Wenn er sofort abreist, ist ja alles für immer verloren . . . „Ich will noch einen, zwei Tage bleiben . . . vielleicht ..." Es half nichts, dem Portier jedesmal ein Zwanzigkopekenstück zuzustecken, Chajim-Chajkel bekam in den nächsten zwei Tagen den Onkel nicht zu Gesicht. Jedesmal kam ihm ein Hindernis in den Weg: der Herr speist, der Herr trinkt, der Herr schläft, der Herr hat Gäste . . . Am dritten Tage, während Chajim-Chajkel niedergeschlagen und ziellos in den Strassen umherirrte, erblickte er plötzlich des Onkels Karosse; drinnen sass der Onkel neben einer fremden Dame. Auf dem Bock prangte derselbe Kutscher, den Gele-Jente voriges Jahr mit den erlesensten Käsekräpfchen gefüttert hatte. Chajim-Chajkel, der sich in der Grossstadt furchtbar einsam und verlassen fühlte, bekam förmlich Herzklopfen bei diesem Anblick. Er vergass auf einmal, wo er sich befand, stürzte dem Wagen nach und schrie aus Leibeskräften: „Onkel, Onkel!" Der Onkel wandte sich um, und der Wagen fing an, mit verdoppelter Schnelligkeit dahinzurasen . . Chajim-Chajkel sah freilich sofort ein, dass es unschicklich gehandelt war, der Karosse des Onkels auf offener Strasse nachzujagen. Aber es war ihm in diesem Augenblick so trostlos, so jammervoll zu Mute gewesen, dass er einem Hunde aus der Heimat um den Hals gefallen wäre. Und nun war er seinem Onkel begegnet, seinem Fleisch und Blut . . . „Na," sagte sich Chajim-Chajkel, „da ich hier nun schon drei weitere Tage gewartet habe, so will ich ihn wenigstens noch einmal sprechen. Was kann ich dabei verlieren? Schlimmeres kann mir ja nicht widerfahren . . . Ich bin freilich sicher, dass er mir nicht einen zerbrochenen Heller gibt . . . aber immerhin . . . damit ich mir nur nachher keine Vorwürfe zu machen brauche . . ." Er fand den Onkel zu einer freien Stunde. „Bist du immer noch hier? Ich glaubte, du wärest längst schon zu Hause . . ." „Gestern habt Ihr mich ja auf der Strasse gesehen . . ." „Ah, ah ... du bist es also wirklich gewesen? Ich traute meinen Augen nicht . . . Wer wird wie ein Verrückter durch die Strassen rennen . . ." „Verzeiht mir, Onkel. Meiner Seel', ich kann nichts dafür . . . Ich sitze schon so lange hier in Odessa, habe keinen Freund, keinen Bekannten . . . Ich war ja ausser mir vor Freude, als ich sah ..." „Schon gut, schon gut . . . Nun aber fahr' nach Hause, es ist die höchste Zeit." „Was soll ich zu Hause tun?" „Was tust du hier? Du kannst ja noch hier ganz von Sinnen kommen. Gestern liefst du mir nach, morgen wirst du einem andern nachlaufen . . . Urplötzlich fängst du Krieg mit meinem Portier an . . ."