Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Ein Erlebnis
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 513 - 514 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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513 M. Spektor: Ein Erlebnis. 514 „Was? Du, Chajim-Chajkel, brauchst dich zu sorgen? Hei, hei, wemi der liebe Gott uns einen solchen Onkel gegeben hätte, wie du einen hast, wir würden uns wahrhaftig nicht zu beklagen haben. Oj, oj, Chajim-Chajkel, weisst du nicht, was das Sprichwort sagt: Neben einem schwerbeladenen Wagen ist gut, zu Fuss] gehen?" „Aber was geht mich meines Onkels Reichtum an?* „Was er dich angeht? Hast du, Mensch, es nötig, dich hier in diesem Nest herumzuplagen? Na, wir zum Beispiel, das ist was anderes. Wir können uns nicht helfen. Aber du, ach, ach, fahr' doch nach Odessa, e r wird schon für dich sorgen, yerlass dich darauf." „Was? Nach Odessa? So urplötzlich? Auf die alten Jahre sollten wir gar nach Odessa ziehen?" „Ei, nicht gerade nach Odessa, er kann dir auch anderswo einen Posten verschaffen, in einem seiner Güter oder sonstwo. Er hat ja Geschäfte an allen Ecken und Enden der Welt. Was brauchst du dich für ihn zu sorgen? Möchten wir alle doch den zehnten Teil seiner Einkünfte im Vermögen besitzen . . Gele-Jente gefiel die Idee ganz gut. „In der Tat, wozu sollen wir uns hoffnungslos herumplagen? Fahr' hin, Chajim-Chajkel, wahrhaftig." „Aber was soll ich denn bei ihm anfangen? Ich kann doch nichts von ihm erbitten, ich bin doch kein Bettler . . „Du brauchst ihn gar nichts zu bitten. Er wird dir schon selber geben, wenn keinen Posten, so wird er wenigstens für uns haften, dass wir Waren auf Kredit bekommen. Das allein wäre schon für uns eine grosse Wohltat. Alle Krämer von Zizelnik würden ihre Waren bei uns kaufen . . . Was hast du solche Angst vor ihm? Hast du schon vergessen, was für einen herzhaften Kuss er unserm kleinen Jankele gab? Du sollst sehen, er wird dich freudig aufnehmen und deine kleine Bitte gerne erfüllen." Chajim-Chajkel gewann bald die Ueberzeugung, dass seine Frau recht hatte und rüstete sich zur Abfahrt. Viel Geld für die Reisekosten brauchte er ja nicht, es galt nur, sich bis nach Odessa durchzuschlagen, dort aber . . . na, dort hatte er ja einen reichen Onkel. Endlich brach Chajim-Chajkel auf in „glücklicher Stunde", begleitet von den Segenswünschen und dem Neid aller Einwohner von Zizelnik. In der Derewsowgasse zu Odessa, im Vorhof eines prachtvollen, grossen Hauses, stand Chajim- Chajkel vor dem Portier und hielt den Hut in der Hand. „Was willst du schon wieder?" „Der Herr dieses Hauses ist mein Onkel. Lasst mich hinein zu ihm." „Der Onkel eines solchen Juden?" Chajim-Chajkel zog eine Silbermünze aus der Tasche und bat den Portier, dem Hausherrn zu melden, dass sein Verwandter Chajim-Chajkel ihn sprechen möchte. Der Portier nahm das Geld in Empfang und stieg die Treppe hinauf. „Mit Geld stopft man allen Leuten den Mund. Wenn ich vorgestern auf diesen Einfall gekommen wäre, so hätte ich es nicht nötig gehabt, zwei Tage lang mich hungrig in den Strasen von Odessa herumzutreiben." Chajim-Chajkel stand da und wartete ungeduldig. Sogleich, auf der Stelle — dachte er bei sich — werden sie alle herabkommen, der Onkel, die Tante, mit Söhnen und Töchtern und werden ihrem Verwandten mit ausgebreiteten Armen entgegeneilen . . . Der Portier, dieser Antisemit, wird den Hut ziehen und morgen wird er.ihm, Chajim-Chajkel, die Stiefel putzen . . . Das wird ihm wohl schön schmecken, einem „solchen Juden" die Stiefel zu putzen . . . . . Aber der Portier kam bald herab, blickte ihn hochmütig an und erklärte ihm höhnisch, der Herr wisse nicht, wer er wäre, der ihn sprechen möchte. „Oj, oj!" schrie Chajim-Chajkel auf. „Ist das möglich? Geht nur rasch hinauf und sagt ihm, dass ich sein Verwandter bin, Chajim-Chajkel aus Zizelnik, ein Schwestersohn von ihm." „Die Sprechstunde ist vorüber." „Aber ich sage, geht auf der Stelle hinauf, ich habe es sehr dringend ..." „Komm morgen wieder," sagte der Portier und schloss ihm die Tür vor der Nase. Mit stillem Groll wandte sich Chajim-Chajkel um und ging. Zum Glück hatte er noch einen Rubel in der Tasche, sonst wäre ihm nichts übrig geblieben als zu hungern oder die Hand auszustrecken. Den ganzen lieben Tag hatte er nichts gegessen. In der Herberge bot man ihm morgens Tee an, aber er lehnte ab und sagte, er würde beim Onkel zu Frühstück speisen. Es wurde ihm schwach ums Herz. Er zog aus der Tasche eine Handvoll Brotkrumen, Zuckerstückchen, zerkrümelte Teeblätter und zwei angebrannte Zündhölzchen. Unter diesem Gerümpel fand er noch dreissig Kopeken . . . Man muss in eine Garküche treten, um etwas zu sich zu nehmen . . . Seit einigen Tagen hatte er nichts Gekochtes gegessen, und heute fastete er schon den ganzen Vormittag . . . Wenn Gele-Jente das wüsste . . . Doch nein, morgen wird er dem Portier wieder eine Münze zustecken müssen, mindestens zwanzig Kopeken . . . heute darf also das ganze Geld nicht ausgegeben werden ... Ei, was ist das für eine abscheuliche Sitte in den Grossstädten! Daheim in Zizelnik, wenn man mit dem reichsten Mann sprechen will, öffnet man die Türe und geht hinein, da gibt's keine Anmeldungen und keine Portiers, die einem den letzten Blutstropfen auspressen . . . Er legte die zwanzig Kopeken beiseite. Vom Rest kaufte er sich für sieben Kopeken einen halben Brotlaib und ein Stück gebratene Leber, drei Kopeken verwahrte er für das Abendessen. Am nächsten Morgen stand er wieder vor dem Hause des Onkels. Er hielt den Hut in der Hand und hatte demütig den Kopf gesenkt. Bevor er den Portier ansprach, beeilte er sich, ihm seine letzten Kopeken einzuhändigen. Der Portier ging die Treppe hinauf, und Chajim-Chajkel schrie ihm nach: „Chajim-Chajkel aus Zizelnik . . . bitte, vergesst das nicht." Einige Sekunden darauf erschien der Portier und hiess ihn hinaufgehen. Chajim-Chajkel stürmte, toll vor Freude, die Treppe hinauf, und als er des Onkels ansichtig wurde, streckte er ihm begeistert die Hand entgegen und grüsste ihn. „Was steht zu Diensten?" rWieso, Onkel, erkennt Ihr mich nicht wieder? . . . Wie geht's Euch? . . . Voriges Jahr erwiest Ihr mir die Ehre . . . Auf der Durchreise in Zizelnik . „Ah, ah . . . Chajim-Chajkel . . . Wie geht's? . . . Wie kommst du nach Odessa? Setz dich doch, bitte sehr ..."