Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Ein Erlebnis
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 511 - 512 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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511 M. Spektor: Ein Erlebnis. 512 Der Onkel griff mit Appetit zu und tat sich gütlich. Es mochte ihm wohl schmecken, denn er lobte den Geschmack und die Geschicklichkeit der Hausfrau, und diese fühlte sich überglücklich, sie schwamm förmlich in Wonne. Chajim - Chajkel war entzückt. Der Onkel liess guten "Wein holen, und im Hause herrschten den ganzen Tag helle Freude und Jubel. Gele-Jente vergass natürlich auch den Kutscher des Onkels nicht und stopfte ihn voll mit allen nur erreichbaien Herrlichkeiten. Der Onkel war sehr zufrieden und liess sich bereden, zu übernachten. Abends wiederholte sich die Geschichte von neuem. Zuerst wurde der Onkel gefüttert, dann sein Kutscher, dann kam wieder der Onkel an die Reihe und abermals der Kutscher. Ausser dem Onkel schlief keiner die ganze Nacht. . . Morgen in aller Frühe musste er ja abreisen, sollte er nicht wenigstens zuvor bei ihnen einen Schluck Tee trinken und etwas zu sich nehmen? . . . Morgens, nachdem der Onkel Tee getrunken und eine warme Speise zu sich genommen hatte, verabschiedete er sich von Chajim-Chajkel und den Seinigen. Dann zog er einige Silbermünzen aus der Tasche und wollte sie den Kindern geben. Aber Vater und Mutter hinderten ihn. „Gott behüte! . . . Das ist nicht nötig! . . . Das darf nicht sein . . . Was? Weil Ihr einen Löffel Suppe bei uns gegessen habt, wollt Ihr bezahlen? Ihr beleidigt uns ja, Onkel." Der Onkel verabschiedete sich noch einmal. Der Onkel trat auf den jüngsten Knaben zu. Der Onkel küsste ihn. Der Onkel sprach: Ein hübsches Kind!... Der Onkel war fort. Chajim-Chajkel fühlte sich glücklich, aber Gele- Jente noch glücklicher. Wie denn? Der reiche Onkel küsste ihr Nesthäkchen und sagte ganz deutlich: „Ein hübsches Kind!" und sie sollte sich nicht glücklich fühlen? Dann legte man sich hin, um ein wenig auszuruhen, und verfiel in einen bleiernen Schlaf, förmlich wie nach einer Hochzeit. Die Karosse des Onkels befand sich mittlerweile schon einige Meilen ausserhalb der Stadt. Er sann nach über Zizelnik und dessen Einwohner im besondern, und über die Kleinstädter im allgemeinen. Was sind das für friedliche und gute Menschen! Wie gross und aufrichtig ist ihre Gastfreundschaft! Sie fühlen sich förmlich beglückt, wenn ein Bekannter oder Verwandter bei ihnen einkehrt. Doch eine Weile darauf verschwand Zizelnik gänzlich aus seinem Gedächtnisse. Die täglichen schweren Sorgen des Lebens nahmen von seinen Gedanken Besitz. Das Gut, das er bei Herrn von Zarecki kaufen wollte, zu dem er jetzt hinreiste, die Dampfmühle, die er in seinem alten Gute bauen liess, die Karosse, in der er sass, und für die es höchste Zeit war, eine neue einzutauschen. Ferner sann der Onkel nach über Fräulein Maria Iwanowna, die er im nächsten Sommer nach Karlsbad schicken wollte, und über seine Frau, die nach der Schweiz und zum Herbst nach Italien reisen sollte, da sie in letzter Zeit die andere zu sehr zu beargwöhnen anfing. Er selber würde dann auch nach Italien gehen, aber die Aerzte werden ihm dringend empfehlen, vorher noch eine längere Kur in Karlsbad durchzumachen. Ferner sann der Onkel nach über die Zöglinge der Armenschule in Odessa, für die er zu den nächsten Feiertagen Stiefel anschaffen lassen wollte, während seine Frau ihnen Leinwand für Wäsche spenden wird. Ferner sann der Onkel nach über seinen Sohn Boris, der in letzter Zeit, wie es schien, anfing, mit Fräulein Maria Iwanowna allzu intim zu werden. Hat es der Bengel nicht genug, jährlich Zehntausende von Rubeln mit allerhand Theatermädchen zu vergeuden, und da wirft er auch nach ihr seine Netze aus! Will den armen, schwachen Vater aus dem Sattel heben ... Gewiss, gewiss wird er den Sieg davontragen . . . Kein Wunder. . . zweiundzwanzig Jahre . . . während Papa schon an die sechzig zählt . . . Ferner sann der Onkel nach über die grosse Synagoge in Odessa, zu deren Vorsteher er in diesem Jahre um jeden Preis gewählt werden wollte. Und noch über vieles, vieles andere sann der Onkel nach, während er in seiner Karosse sass. Chajim-Chajkel und die Seinigen erwachten erst gegen Abend. Sie hatten den Kopf voll, während der Beutel, mit Respekt zu sagen, ganz leer war. Zehn Tage lang hatte sich Gele-Jente im Laden nicht gezeigt, „und was die Männer im ganzen einbringen können, weiss man zur Genüge". In den letzten zwei Tagen war der Laden ganz geschlossen gewesen. Dagegen waren die Schulden gewachsen und die Zahl der Gläubiger gestiegen: Wucherer, Kleiderhändler, Schneider, Schuhmacher . . . Den ganzen Tag hatten sie verschlafen, und die Nacht verbrachten sie in Sorge. Am nächsten Morgen erwachten die Kinder früher als gewöhnlich und hungriger als gewöhnlich. Zehn Tage lang hatten sie sich mit einem halben Glas Milch begnügt, jetzt forderten sie ihre gewöhnlichen Rationen. „Na, sei dem wie ihm wolle, aber der Onkel war bei uns," sprachen Chajim-Chajkel und seine Frau den ganzen Tag. „Und ich muss dir sagen, es ist sehr schön von ihm, dass er sich unser erinnerte und bei uns einkehrte." Monate waren seit der Anwesenheit des Onkels verstrichen, aber kein Tag war seither vergangen, ohne dass man sich seiner erinnerte, seine Güte und Leutseligkeit rühmte. Alle Einwohner von Zizelnik und Umgebung wussten nun, dass Chajim-Chajkel in Odessa einen sehr reichen Onkel hatte, und dass dieser Onkel —• denkt euch nur! — in einer vierspännigen Karosse bei ihm vorgefahren kam, und dass dieser Onkel einen Kutscher hat — na, aber einen Kutscher sag ich euch! . . . mit einem solchen Bart und einem solchen breiten Gürtel um die Lenden . . . ein förmlicher Kosak. Aber für einen armen Mann genügt's, einen Groschen mehr als er darf auszugeben, und das so entstandene Loch kann nicht so rasch verstopft werden. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, die den alltäglichen Lauf der Dinge bei Chajiim-Chajkel unterbrochen hatte, der Onkel hatte eine Mahlzeit bei ihm eingenommen. Aber den Nachgeschmack dieser Mahlzeit spürte er noch aut der Zunge, als ein Jahr und darüber verflossen war. Aus den kleinen Schulden, die sich in jenen zehn seligen Tagen angesammelt hatten, wurden immer grössere Schulden, die ihm über den Kopf wuchsen. Es fing ihm an, immer schlechter zu gehen, und obgleich er sonst von Natur zu stolz war, um vor anderen Leuten zu klagen, so konnte es doch seinen Bekannten nicht lange verborgen bleiben, dass es schlimm um ihn stand. Man brachte ihn zum Reden, und dann fingen die Leute an, sich höchlich zu wundern: