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Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 509 - 510

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
Ein Erlebnis
Date
1905-07-01
Page
Seite 509 - 510 (sequence 2)
Language
German
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509 M. Spektor: Ein Erlebnis. 510 sogar bei uns speisen müssen/ behauptete der Gatte mit Festigkeit, das letzte Wort energisch betonend. „Ach, wie schön 1 . . . Aber warum bin ich also müssig? . . . Man muss ja was tun, was vorbereiten. Chajkel, warum schweigst du, Chajkel?" „Ich schweige gar nicht . . . Natürlich muss man was tun. Glaubst du, der Onkel isst wie wir einfache Leute, für die ein Häringsschwanz mit einem Stück Brot ein Essen ist, oder eine Schüssel Bohnensuppe?" In acht Tagen kommt der Onkel. In Gele-Jentes Kopf gings wie ein Mühlrad herum. Sie wusste nicht, womit anzufangen: „Welch eine Schererei! . . . Und wenn ich Hühnersuppe iür den Onkel bereite, wird es ihm schmecken? ... Er wird sich über uns arme Leute nur lustig machen, weiter nichts." Aber den Mut verlor sie doch nicht. Hielt sie sich ja von jeher für eine ausserordentlich geschickte Frau, und war überzeugt, dass, wenn sie nicht Chajim- Chajkel geheiratet hätte, sie unweigerlich etwas mehr geworden wäre, als „Chajim-Chajkels Weib". „Ach, möchte nur der liebe Herrgott versuchen und uns so an die zehntausend Rubel bescheren, dann würde ich euch zeigen, was für ein Haus ich, Gele- Jente, zu führen imstande wäre." So Hess sie denn auch jetzt den Kopf nicht sinken. „Hat nichts zu sagen. Der Onkel mag nur kommen und bei unserm Tisch speisen. Ich werde mit Gottes Hilfe mich vor ihm nicht zu schämen brauchen. Käsekräpfchen in Butter werde ich ihm zubereiten, wie er sie selbst in Odessa sein Lebtag nicht zu kosten bekam. Ausserdem eine . . . doch nein . . . das sag ich jetzt noch nicht . . . vorläufig braucht's mein Mann nicht zu wissen . . . nachher wird der aber Augen machen . . ." Am nächsten Morgen gab sie ihren Sprösslingen folgendes kund und zu wissen: „Von heute ab, Kinderchen, bis der Onkel kommt, müsst ihr mit einem halben Glas Milch jeden Tag fürlieb nehmen. Von der Milch der grossen Ziege muss ich eine Speise für den Onkel bereiten." Die Kleinen nahmen mit dem halben Glas Milch fürlieb, und trösteten sich mit der Hoffnung, dass der Onkel bald kommen und ein leckeres Mahl bei ihnen einnehmen werde. Acht Tage lang plagte Gele-Jente sich redlich, als stünde das Passahfest vor der Tür, und die Kleinen halfen wacker mit. Man wusch, scheuerte, säuberte an allen Ecken und Enden. Im Laden zeigte sich die Frau die ganze Zeit nicht und überliess das Geschäft der alleinigen Fürsorge des Mannes. „Und das könnt ihr euch ja wohl denken, was diese Männer im ganzen auszurichten vermögen." Beide seufzten, dass diese Woche ihnen so viele Ausgaben brachte und fast gar keine Einnahmen. „Aber der Onkel kommt ja auch nicht alle Tage zu uns," trösteten sie sich. Vier Tage vor dem angesetzten Termin rief Gele- Jente den Gatten herbei und sagte: „Bei mir, Chajim-Cbajkel, ist Gottlob alles zum Empfange bereit. Wir werden uns mit Gottes Hilfe vor dem Onkel nicht zu schämen brauchen. Aber erröten werde ich, wenn der Onkel kommt und unsere Kinder in Lumpen gehüllt findet. Man muss ihnen Kleider anschaffen, Chajim-Chajkel, wenigstens Röckchen und Schuhwerk, Chajim-Chajkel . . . Was lässt sich tun? Vor einem solchen Gast kann man sich .,a nicht blossstellen ..." Tags darauf stattete Chajim-Chajkel seinem alten Freund, dem Wucherer von Zizelnik, einen Besuch ab, lieh von ihm eine Summe gegen hohe Zinsen, ging in ein Geschäft und kaufte Kleider für die Kinder. Doch dabei überlegte er, dass ja Gele-Jente eigentlich auch nichts Rechtes anzuziehen hatte, und als er beschloss, ihr eine neue Joppe zu kaufen, warf er unwillkürlich einen Blick auf sich selber, und es wurde ihm klar, dass er in diesem Hut und diesen Stiefeln unmöglich vor dem Onkel erscheinen könne. Der Rock war freilich auch nicht mehr neu, aber den könnte man reinigen, die Flicken zur Not verbergen. Doch gegen einen zerrissenen Hut und geflickte Stiefel gab es kein anderes Mittel, als neue anzuschaffen. Als Chajim-Chajkel den Laden verliess, war er, abgesehen von der neuen Schuld beim Wucherer, auch noch dem Kaufmann eine beträchtliche Summe schuldig geblieben. Gele-Jente klagte: „Das ist immer so. Bevor man ins Geschäft kommt, ist alles billig, und kaum hat man die Schwelle übertreten, wird alles teuer. Aber jetzt kann der Onkel nur kommen." Sie trösteten sich, wünschten einander, wie üblich, „die Kleider in guter Gesundheit abzutragen," und dermaleinst „in Glück und Freuden den Kindern Hochzeitsgewänder anzuschaffen," und waren seelenvergnügt. „Der Onkel fährt, der Onkel kommt, der Onkel ist schon da! . . . Der reiche Onkel, der berühmte Onkel!" Er erwies dem Verwandten eine grosse Ehre, ihm und seiner ganzen Familie einen erlesenen Genuss, indem er bei ihm einkehrte. Chajim-Chajkel samt Frau und Kindern waren feiertäglich herausgeputzt, gingen auf den Fussspitzen umher und verwandten kein Auge von den Lippen des Onkels. In der kleinen Wohnung funkelte jeder Winkel. „Onkel, seid Ihr nicht hungrig?" „Onkel, vielleicht stören wir Euch? Wollt Ihr nicht ein wenig ausruhn? . . . Kinder, geht hinaus, der Onkel will schlafen." „Onkel, möchtet Ihr nicht Tee trinken?" „Onkel! Onkel! Onkel!" Man tanzte förmlich um ihn herum. „Ich danke, ich danke," antwortete der Onkel, „ich will nur noch ein wenig mit euch plaudern, dann esse ich etwas und lasse einspannen. Ich habe hier ja nur Halt gemacht, damit die Pferde ein wenig rasten ..." „Was? Ihr wollt schon fort, Onkel? So schnell? Wer weiss, wann wir uns wiedersehen! Wir haben so lange auf Euch gewartet, am Ende habt Ihr's gar so eilig. Bleibt doch wenigstens noch einen Tag . . . Uebernachtet doch wenigstens bei uns! . . . „Na, na, bis zur Abreise haben wir ja noch Zeit genug. Wir wollen ein wenig plaudern. Wie geht's dir eigentlich, lieber Verwandter? Na, eins sehe ich ja, Frau und Kinder hast du ja, gottlob, wie jeder gute Jude." „Gelobt und gepriesen sei Der, dessen Namen zu nennen ich nicht wert bin,'* rief Chajim-Chajkel und mit ihm Gele-Jente, und erhoben die Hände. „Wie es scheint, geht es dir ja sonst auch nicht schlecht," fuhr der Onkel fort. „In der Stube sieht es überall sauber und niedlich aus. Frau und Kinder sind wohlauf . . . Ich bin sehr erfreut, dich in dieser Lage zu finden." „Wir haben uns nicht zu beklagen," antwortete sie stolz. „Er verlässt uns nicht. Wir haben unser Auskommen." Mittlerweile hatte Gele-Jente den Tisch gedeckt, und die Meisterwerke ihrer Kochkunst aufgetragen.

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