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Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 495 - 496

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
Der Rabbi und sein Sohn
Date
1905-07-01
Page
Seite 495 - 496 (sequence 2)
Language
German
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495 Martin Buber: Der Rabbi und sein Sohn. 496 tasten, die seinem Vater, dem Rabbi, so bitter verhasst waren. Denn er fühlte, dass in ihrer Art, so wild und unbändig sie war, etwas von dem lebendig sein mochte, was durch seine Träume ging. Sein Vater zürnte ihm deswegen, aber er konnte den Verkehr nicht lassen. Und so war er einmal mit zweien von jenen, zwei Jünglingen, beisammen. Da stärkte er sein Herz zum Reden und rang mit den Worten, bis sie ihm gehorchten, und erzählte den beiden, wie ihn ein Mangel quäle und wie er verschmachte nach einem Unnennbaren. Da sprachen sie zu ihm: „Es gibt nur Einen, der dir zu helfen vermag. Das ist der grosse Zadik, der eine Tagereise von hier wohnt. Denn ihm ist die Kraft gegeben, die Seelen frei zu machen. Er geht durch die Reihen der Menschen und von dem Leuchten seiner Augen fliesst eine Segnung Gottes zu ihnen allen hin. Er hebt die Hand den Bedrückten entgegen und "sie atmen auf wie aus einem schweren Traume. Er wischt die Zeichen des Grams und der Mühsal von den Stirnen. Er löst den Kampf des Hasses und zeigt den Schwermütigen die Schönheit der Welt." „Ist er weise?" fragte der Jüngling. „WTir wissen nicht, ob er weise ist," antworteten sie, „denn er liegt dem Lernen nicht ob und redet nie von den Dingen, von denen man sagt, man habe sie erkannt. Aber dieses wissen wir, dass er ins Nahe und ins Fernste wirkt, und ganz gewiss ist das sein, was man die Tat nennt." „Ist er heilig?" fragte er weiter. „Wir wissen nicht, ob er heilig ist," sagten sie, „denn er hält sich nicht abseits und hütet sich nicht, die Sündigen anzurühren. Aber dieses wissen wir wohl, dass er keinen entlässt, ehe er ihm die schwerste Bürde von der Seele nahm. Und ganz gewiss ist die Erlösung sein Reich." „Ist es aber nicht so," fragte er, und er blickte mehr in sich als zu ihnen hin, „dass Tat und Erlösung sich einen zur höchsten Begnadung, welche die Stufe des grossen Lichtes genannt wird und von vielen Zeiten zu vielen Zeiten in einer einzigen Seele erscheint, um in Tausende zu strahlen und hinüberzuleben?" Da schwiegen die Jünglinge und waren betroffen ob des seltsamen Ungestüms seiner Worte, wie sie solches an ihm nicht kannten. Er aber stand erschauernd da und wusste nicht, was ihm widerfahre. Von dieser Stunde an aber war es in ihm beschlossen, dass er sich zu jenem Zadik begeben und von ihm die Offenbarung seines Wesens empfangen müsse. Er ging zu seinem Vater und sagte ihm sein Vorhaben und bat ihn, er möge ihn ziehen lassen, wenn er anders wolle, dass das Leben nicht all seinen Wert für ihn einbüsse. Der Vater aber achtete es für eine grosse Schande, dass sein Sohn den törichten Wundermann aufsuchen wolle, und bot alle Gründe dagegen auf, die ihm geläufig waren. Als der Jüngling beharrte, stritt er heftig wider ihn und gab ihm zu bedenken, wie wenig es sich für den gelehrten Sohn eines guten und strenggläubigen Geschlechtes schicke, sein Heil bei solch einem Irrlehrer und ungewissen Wirrkopf zu suchen. So wies er ihn zurück, aber der Jüngling kehrte immer wieder und wiederholte sein Ansinnen immer dringender. Und alle im Hause wurden es gewahr, wie an dieser ungestillten Sehnsucht das Leben des Knaben immer matter wurde und wie eine schier verlöschende Flamme hin und her flackerte. Und zu einer Stunde, als er seinen Wunsch wieder aussprach, neigte sich das Herz des Alten, von Liebe und Erbarmen überwunden, ihm zu. Er versprach, seinem Begehren willfährig zu sein und beschloss, seinen Sohn selbst zu dem Zadik zu führen, denn die Hingabe an sein einziges Kind war mächtig in ihm, auch hoffte er im verborgenen Herzen, dass es seiner Klugheit und Erfahrung gelingen werde, den Fremden albern und nichtig erscheinen zu lassen. Indem er einwilligte, sprach er jedoch: „Eins aber möge uns Zeichen sein, dass unsere Fahrt im Willen des Himmels liege: dass im Verlaufe der Reise nichts sich ereigne, was dem Gange des Alltags zuwiderläuft. Sollte uns aber ein Ding widerfahren, das uns den Fuss hemmt, so mag dies ein Hinweis sein, dass dir der Weg nicht bestimmt ist; alsdann wollen wir umkehren." Am nächsten Tage begaben Vater und Sohn sich auf die Fahrt. Sie hatten sich bereits einige Stunden von ihrem Orte entfernt, als ihr Pferd auf einer Brücke stürzte und den Wagen zu Fall brächte. Wohl gingen die beiden unversehrt hervor, der Alte aber mass dem Unfall tiefere Bedeutung bei und wollte ihn nicht anders ansehen, denn als dass er eine Warnung darstelle, den Weg nicht fortzusetzen. So kehrten sie in die Heimat zurück. Aber vcn dieser Stunde an wurde der Jüngling von so unendlicher Traurigkeit befallen, dass der Vater bald wieder, von seinem Flehen bezwungen, sich aufs neue mit ihm auf den Weg begab. Sie hatten wohl schon eine halbe Tagereise hinter sich, als plötzlich die Achse des Wagens zerbrach und der Rabbi wiederum verwirrt und geängstigt, da er das Geschehene nicht anders denn als eine höhere Fügung deuten mochte, von der Fahrt abstand und die Umkehr anordnete. Lind wieder verzehrte sich der Knabe, dass der Vater vor Herzeleid es nicht länger anzusehen vermochte, und zum dritten Male traten sie die Reise an. Diesmal beschloss der Alte nicht umzukehren und keines Unfalls zu achten, es sei denn, dass ganz und gar Ungewöhnliches ihre Bahn hemme. So fuhren sie bis zum Abend und suchten erst mit eintretender Dunkelheit eine Herberge auf. Während sie in der Wirtsstube Rast hielten, gesellte sich ihnen als dritter ein reisender Kaufmann zu, mit dem sie alsbald in ein Gespräch kamen. Der Rabbi hatte es sich vorgesetzt.

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