Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Der Rabbi und sein Sohn
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 497 - 498 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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497 Martin Buber: Der Rabbi und sein Sohn. 498 im Reden seines Besuches bei dem Zadik nicht zu gedenken, denn es stand bei ihm fest, dass er sich dessen zu schämen habe. So sprachen sie über mancherlei Dinge der Welt und der Alte erstaunte, wie wohlbewandert und unterwiesen der Fremde auf jeglichem Gebiete sei und wie er gar schicklich und gewandt die Unterhaltung zu lenken wisse. Und so geschah's, dass der Rabbi wie Wachs in seinen Händen war und der fremde Gast so viel erfuhr, als ihm zu wissen behagte. Und indem sie so von diesem und jenem sprachen, führte der Kaufmann ganz von ungefähr die Rede auf die Zadikim und wo man welche fände. Als der Rabbi mit einiger Wissbegier auf das Gespräch einging, erwähnte jener, dass unfern von hier ein Zadik lebe, der viel von sich reden mache. Bei diesen Worten umfing er den Jüngling, der bis dahin ganz still und versunken dagesessen hatte, mit einem eigentümlich blitzenden und durchdringenden Blick. Der Knabe schreckte auf, wie wenn ihn ein schmerzhafter Stich aus dem Schlafe geweckt hätte unjdj hörte nun, wie sein Vater den Fremden fragte, ob er diesen Zadik kenne. „Wohl kenne ich ihn/' erwiderte der Kaufmann mit einem leichtfertigen und höhnischen Lächeln. „So wisst ihr ohne Zweifel, ob er in der Tat jener ehrwürdige und fromme Mann ist, als der er gilt?" Da lachte der Fremde wiederum hell auf und sprach: „Der Zadik ein Frommer und Gerechter? Nie ist mir ein schlimmerer Weltmensch begegnet als er. Mit eigenen Augen habe ich sein sündhaftes Treiben gesehen und ich, der ich zu ihm kam, Hilfe und Beistand zu suchen, zog enttäuscht und entsetzt von dannen." Der Alte wendete sich zu seinem Sohne und rief: „Ich habe geahnt, dass es so sei, wie dieser Mann in seiner Einfalt uns sagt. Wir wollen nach Hause kehren. Und nun du es selbst gehört hast, wirst du dein Herz von diesem Wahn befreien." Als sie aber heimkamen, legte sich der Sohn hin und verschied. Endlos war die Trauer, die der Tod über den alten Rabbi brachte. Einige Wochen aber nach dem Hinsterben des Sohnes erschien der Tote dem Vater im Traume, schrecklich anzusehen und flammend gleich einer Säule des Zornes. Zitternd rief der Alte: „Warum sehe ich dich in solcher Gestalt, mein Sohn?" Da erwiderte dieser: „Mache dich auf den Weg zu jenem Zadik und du wirst es erfahren." Am Morgen gedachte der Rabbi zwar der Erscheinung, aber er meinte, seine Sinne hätten ihn wohl genarrt und dies sei ein Traum wie andere. Aber es kam wieder und kam zum dritten Male, und da wagte der Alte nicht zu widerstehen und begab sich auf den Weg zu jenem Zadik. Gegen Abend, als das Dunkel und die Müdigkeit ihn überkamen, kehrte er in einer Herberge ein und als er eine Weile in dem dämmrigen Wirtsraum gesessen hatte, sah er, dass es dieselbe Herberge war, in der er vor wenigen Wochen mit dem jetzt toten Sohne eingekehrt war. Der Gedanke schreckte ihn ,aus seinem Brüten auf und er blickte um sich und sah sich gegenüber die Gestalt jenes Kaufmanns sitzen, dem er auch damals begegnet war. Bei seinem Kommen war das Zimmer leer gewesen und er hatte nicht bemerkt, dass jemand eingetreten wäre. Allein der Schmerz war zu heftig in ihm, als dass er der Verwunderung hätte Raum gegeben. Und so fragte er den Fremden nur: „Bist du nicht jener Kaufmann, mit dem ich vor kurzem hier gesprochen habe?" Da brach jener in ein unbändiges Gelächter aus und antwortete: „Ich bin es, und was ich wollte, ist mir wohl gelungen. Besinne dich, wie du mit deinem Sohne zum Zadik ziehen wolltest. Und zuerst stürzte dein Pferd und du kehrtest um. Und dann zerbrach die Achse deines Wagens und du kehrtest wieder um. Und zuletzt kamst du und trafest mich an und hörtest auf meine Worte und kehrtest um zum dritten Male. Und nun, da ich deinen Sohn getötet habe, magst du schon fahren. Denn wisse, dein Sohn hatte die Stufe des kleinen Lichtes, jenem Zadik aber ward die Stufe des grossen Lichtes gegeben, und wären sie auf Erden zusammengekommen, so hätte sich das Wort erfüllt und der Messias wäre erschienen. Nun aber, da ich deinen Sohn getötet habe, magst du schon fahren." Und indem er dies gesagt hatte, wich er unmerklich von hinnen und war verschwunden, und der Rabbi starrte in die leere Luft. Und er zog seines Weges weiter und kam zum Zadik und warf sich ihm zu Füssen und schrie: „Wehe, wehe um die, so verloren gehen und können nicht wiedergefunden werden."