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Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 493 - 494

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
Der Rabbi und sein Sohn
Date
1905-07-01
Page
Seite 493 - 494 (sequence 1)
Language
German
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493 494 DER RABBI UND SEIN SOHN. Eine Legende, dem Rabbi Nachman von Bratzlaw nacherzählt von Martin Buber.1) Nachdruck verboten. Es war einmal ein Rabbi, der hatte sein Leben der Thora dargebracht, all seinen Geist hatte er angewandt, sie zu durchforschen, und mit all seinem Willen hütete er die Gebote, dass sie bis ins kleinste geachtet würden in der Gemeinde. Als ihm in späten Jahren der einzige Sohn geboren wurde, schien ihm dies ein Lohn und eine Zustimmung Gottes. Es war ihm, als ob ihm von oben eine Bestätigung seines Weges zuteil würde, und er schwor sich zu, all seine Tage, die ihm noch blieben, darauf zu schauen, dass sein Sohn gleich ihm mit strengen Gedanken in die Tiefen der Lehre eindringe und nicht um eines Haares Breite von des Gesetzes letzter und kleinster Forderung abweiche. Dass er gleich ihm bitter Feind sei jenen Schwärmern, die die erhabenen Worte mit einem Gaukeltanz bunten Weltkrams umwinden, die es wagen, ihre schweifenden Träume an die urewige ernste Macht der Thora zu knüpfen und das unstete Herz da spielen zu lassen, wo nur der stählerne Gedanke walten darf. Der Sohn wuchs heran und ward gross in der Weisheit der heiligen Bücher. Er hatte im Hause seines Vaters ein Stübchen, darin er zu weilen und sich mit gesammelten Sinnen in die Geheimnisse der Schrift zu versenken pflegte. Aber seine Seele konnte über den Büchern nicht verharren und sein Blick hielt sich nicht auf der unendlichen Fläche der kleinen starren Lettern, sondern glitt immer wieder hinaus, über die gelbe Flut der Aehren hin und bis zu dem dunklen Striche der fernen Tannenwälder. Und mit seinem Blicke glitt seine Seele hinaus und wiegte sich in der stillen Luft, scheu wie ein junger Vogel. Doch er zwang immer wieder Auge und Herz zurück in die enge Haft, denn er wollte wissen, und das Wissen war ja in den Büchern. Aber hielt er auch den Kopf mit *) Aus meiner demnächst erscheinenden Bearbeitung der Sippure Maassijot, einer 1815 herausgegebenen Märchen- und Legendensammlung des R. Nachman ben Simcha von Bratzlaw (geb. 1771 oder 1772, gest. 1810), wohl des bedeutendsten Vertreters des jüngeren Chassidismus. Rabbi Nachman, den ich in der Einleitung meines Buches auf dem Hintergrunde seiner Zeit und seines Milieus eingehender zu charakterisieren versuche, hat ausser anderen, insbesondere durch ihre Beiträge zu einer ebenso tiefsinnigen wie naiven Moralspilosophie bedeutsamen Schriften auch eine Anzahl von mündlichen Erzählungen hinterlassen, die von seinen Schülern niedergeschrieben und nach seinem Tode seinem Wunsche gemäfs in hebräischer und jüdischer Sprache herausgegeben worden. Si^ sind mit wenigen Ausnahmen durchaus originell, haben fast ausschliesslich symbolisierenden Charakter und einen zuweilen nrystischen, oft volkstümlich ethischen und auf Schicksal im t Bestimmung des Judentums bezüglichen Sinn. Sie sind aber bei aller Kraft der Motive doch meist so verworren, weitschweifig und in unedler Form wiedergegeben — offenbar durch die Niederschreibenden entstellt —, dass ich sie fasi; durchgehend nur als Rohstoff behandeln konnte. Ich war jedoch bemüht, alle reinen Elemente der urspiünglichen Fabel möglichst intakt zu erhalten. M. B. beiden Händen über die zeichenbedeckten Blätter geneigt, so Hess sich die Seele doch nicht bannen. Und konnte sie sich an der Fülle da draussen vor dem Fenster nicht nähren, so schaute sie innig und heiss in sich selber, über wunderbare Saaten hin und zu geheimnisvollen Himmelsstrichen, die in ein unbekanntes Land hinüberblauten. Dennoch wuchs das Lernen in ihm und er wurde stark im Erkennen; aber nicht aus dem Gewirr der Worte vor ihm strömte ihm die Weisheit zu, sondern aus ihm selbst, von seltsamer Wrärme getrieben, sprosste sie auf und umfasste seine Seele mit mächtigem Gezweige. Zu gleicher Zeit wurde jene namenlose Kraft des Wesens gross in ihm, welche Heiligkeit heisst; und was er sprach, war lauter wie Kristall, und was er tat, geweiht; und wenn er durch sein Stübchen schritt, war es ihm, als wandelte er auf den Wogen eines einsamen Meeres. Weisheit und Heiligkeit aber vermählen sich zu jener tiefen und unbegreiflichen Wandlung, welche die Stufe des kleinen Lichtes genannt wird und von einer Zeit zur anderen in einer einzigen Seele erscheint und dahingeht; dieses war die Stufe, zu der der Jüngling erhoben wurde, ohne es zu ahnen. Aber wie einer, der sich unwissend wähnt, dieweil er im Innern die Welt umfängt, so glaubte er, um der Wahrheit willen auch fernerhin die Schriften durchforschen und ihrer dumpfen Stimme lauschen zu müssen, wiewohl ihm die letzten Dinge also vor den Augen standen, wie die stille Lampe, die seiner Arbeit leuchtete. Aber wie er nur den Büchern nahte, war ihm, als trete er in eine Leere, ein rätselhafter Mangel legte sich schwer auf ihn, und er fühlte sich verlassen im Grenzenlosen. So kehrte er von der Rede des toten Mundes immer wieder zu sich selbst zurück und gab sich den Verzückungen des grossen Schweigens Hin. Aber auch sie gewährten ihm den Frieden nicht, nach dem er verlangte, wie die ungeborenen Seelen nach dem Leben der Erde; und ihre selige Pein spannte ihn an, wie man einen Bogen spannt, den Pfeil in die Ferne zu entsenden, und nicht wie man eine Leier spannt, zu holdem Zusammenklingen. Auch in der höchsten Erfüllung fehlte ihm etwas, und er wusste nicht, was das sei; auch in der gnadenvollen Stunde des Schauens schlug eine Bangigkeit in ihm, für die er keinen Namen hatte. Er wagte nicht, davon zu sprechen, es war allzu gewaltig, und wenn er es versuchte, sagte das WTort, das auf seine Lippe kam, schon anderes, als ihm in der Seele geschah. Von allen Menschen aber hielt er sich nur zu den Chassidim, zu jenen Schwärmern und Phan-

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