Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Die jüdische Auswanderung
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 483 - 484 (sequence 3)
- Language
- German
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483 Dr. Theodor Vogelstein: Die jüdische Auswanderung. IV. Auf Ellis Island. 484 in das Nebenzimmer geschickt werden, gelangen später vor den rboard of special inquiry". Die grosse Masse aber flutet durch den Saal, um zu den Einwanderungsbeamten zu gelangen, die nahe dem anderen Ende des grossen Raumes an elf Schaltern sitzen und die Leute passieren lassen. Die Persönlichkeit dieser Beamten und ihr Verhalten gegen die Einwanderer ist häufig von ausschlaggebender Bedeutung. Sie sprechen alle eine Reihe von Sprachen, wenigstens halbwegs, viele sind zugleich vereidigte Dolmetscher, und sicherlich existiert keine Sprache eines Volkes, das eine regelmässige Auswanderung nach den Vereinigten Staaten aufweist, die nicht wenigstens von einem dieser Beamten oder Dolmetscher beherrscht wird. So habe ich z. B. armenisch verhandeln hören. Für die häufig vorkommenden Sprachen, die deutsche, italienische, slavische und skandinavische Sprache, für ungarisch, Jargon (yiddisch) sind natürlich viele Kenner vorhanden. Der Beamte stellt nun die vom Gesetz vorgeschriebenen Fragen zur Statistik, sowie weitere, die ihm für die Entscheidung der Einwanderung beziehungsweise der Persönlichkeit zweckmässig erscheinen. Auch ohne es miterlebt zu haben,wird ein jeder leicht verstehen, dass die Art der Fragestellung, ganz abgesehen von der grösseren oder geringeren Milde des Urteils, für die Zulassung Heischenden entscheidend sein kann. Der Beamte hat die Schiffsliste mit den von den Einwanderern gemachten Angaben vor sich. Verfolgen wir einmal, wie es einem solchen Einwanderer geht. Zuerst entwickelt sich alles sehr glatt. Angekommen: S/S. Pennsylvania, Name: Moses Kogan, ledig, von Beruf Maler (Anstreicher), aus Kischinew, Heimat: Russland, Nationalität: Jude (hebrew). Für die Nationalität wird in der Hauptsache die Muttersprache massgebend; nach der Religion wird nicht gefragt und ein wissenschaftliches Interesse für Rassenfragen existiert ebenfalls nicht. Hebrews sind die Jargon (yiddisch) sprechenden osteuropäischen Juden. Ein Berliner Jude würde sicherlich als Deutscher, ein Pariser als Franzose bezeichnet werden. Jetzt werden die Fragen schwieriger. Können Sie lesen und schreiben? Häufig wird erst fälschlich „nein" geantwortet, wenn der Betreffende nur des Hebräischen und Jargons mächtig ist, da er der Meinung ist, es müsse russisch oder eine andere nicht jüdische Schrift sein. Jedoch stellt sich der Irrtum zumeist bald heraus. Zu wem fahren Sie? Zu meiner Tante Esther Abraham, No. 26 fifth street, Chicago. Die Angabe eines Reisezieles ist unerlässlich. Ich habe selbst erlebt, dass ein junger Deutscher, der in jeder Beziehung einwandfrei war, fast vorläufig zurückbehalten worden wäre, weil er kein Hotel anzugeben wusste. Er bat den Beamten, ihm doch eins zu nennen, was dieser jedoch ablehnte. Im Augenblick aber, als ihm einer der Umstehenden den Namen eines Hotels angab, und er dieses in die Akten eintragen Hess, erhielt er seinen Passierschein. Ein eigentümlicher Formalismus, wenn man bedenkt, dass keine Anmeldungspflicht in den Vereinigten Staaten existiert und vom Augenblick des Eintritts in die Union die vollkommenste Freizügigkeit besteht, so dass der Mann, wenn er es sich inzwischen überlegen wollte, gar nicht in das betreffende Hotel zu gehen braucht. Wie viel Geld haben Sie? heisst eine weitere Frage. Gerade von den russischen Juden wird dabei oft zunächst weniger angegeben, als sie besitzen, da sie aus ihrer Heimat her die Beamter), die nach Geld fragen, fürchten. Ein Mann wäre fast zurückgeschickt worden wegen falscher Angabe, weil er anfangs nur eine kleine Summe genannt hatte, als er aber den Grund der Zurückweisung erfuhr, konnte er $ 100 vorweisen. Das Gesetz verlangt keine bestimmte Summe für den Eintritt. Die erforderlichen Beträge schwanken nach den Anweisungen des Einwanderungskommissars. Als ich im Januar auf Ellis Island war, traf ich eine äusserst milde Auffassung der Bestimmung über die Fernhaltung mittelloser Einwanderer. Denn regelmässig wurden Leute, die $5 — 10 über die Kosten der Fahrkarte nach ihrem Bestimmungsort, falls sonst alles in Ordnung war, zugelassen. Es herrscht auch in dieser Hinsicht einzig und allein das freie Ermessen der Beamten, die unter Berücksichtigung aller sonstigen Momente zu entscheiden haben. Die weitere Frage der Beamten, wer hat Ihre Ueberfahrt bezahlt, beruht sowohl mehr auf demlnteresse, solche Leute fernzuhalten, die der Allgemeinheit zur Last fallen könnten, als auf gewissen politischen Idealen und moralischen Postulaten, die in den Vereinigten Staaten ganz im Gegensatz zu der Vorstellung, die sich der Europäer von Amerika zu machen pflegt, einen so bedeutsamen Platz einnehmen. Schon glaubt der Ankömmling, alles Wissenswerte erzählt zu haben, da lautet eine letzte Frage: „Haben Sie auch schon Arbeit?" Schüchtern hörte ich einen jungen Mann antworten, „Nein, das noch nicht", in Angst, dass dies ihm noch die Pforte verschliessen würde. Doch es ward ihm zum Heil; er erhielt den Passierschein, der ihm sonst fraglos verweigert worden wäre. Die keineswegs allgemein bekannten Gründe, aus denen das Verbot der Einwanderung solcher Personen entstanden ist, die schon einen Arbeitskontrakt haben, können hier nur angedeutet werden. Der eine Grund ist die Rücksicht aui die amerikanische Arbeiterschaft. Der andere war die Notwendigkeit, dem früher angewandten System zu steuern, durch das skrupellose Unternehmer gegen Zahlung der Ueberfahrt Verträge mit den Einwanderern schlössen, nach denen sie eine Reihe von Jahren diese Ueberfahrt abdienen mussten. Solche Leute waren tatsächlich in der Lage temporärer Sklaven, da sie ohne ihren Willen für die Zeit ihres Kontraktes verkauft werden konnten. Wenn auch dieses System aus rechtlichen Gründen ohnedies kaum in Frage käme, so wollte doch das Gesetz dem Uebelstand möglichst vorbeugen, dass sich Auswanderungs-