Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Die jüdische Auswanderung
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 481 - 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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481 Dr. Theodor Vogelstein: Die jüdische Auswanderung. IV. Auf Ellis Island. 482 Ellis Island. New-Yorks das Auge der Reisenden immer wieder auf sich ziehen. Die meisten dieser Inselchen dienen den Zwecken der öffentlichen Verwaltung. Auf der einen steht die schon genannte Freiheitsstatue, auf einer zweiten — weiter draussen gelegenen— befindet sich die Isolierstation für Einwanderer mit Inf ktionskrankheiten, auf wieder einer anderen die Beobachtungsstation für Krankheitsverdächtige usw. Auf Ellis Island sind in den letzten Jahren nach einem Brande eine Reihe grosser, heller und gesunder Gebäude für die Einwanderer errichtet worden. Zentralheizung und elektrische Beleuchtung sind natürlich vorhanden. Der Platz auf der Insel ist trotz der künstlichen Vergrösserung ziemlich beschränkt, und so hat man ausser kleinen, geraden Anlagen um die Häuser herum auf dem Dache einen sogenannten „roofgarden" eingerichtet, der im Sommer Vielen einen willkommenen Autenthalt selbst zum Schlafen bietet. Sonst bestehen die Häuser aus einer grossen Zahl von Sälen und Bureauräumen, einer Waschanstalt, ia der vor allem die Schlafdecken und die sonstige Bettwäsche gereinigt werden, einer Küche und verschiedenen anderen Wirtschaflsräumen. Eine Dampffähre verkehrt regelmässig zwischen New-York und der Insel. Nach der Ankunft eines Dampfers an seinem New-Yorker Landungsplatz werden zunächst die Kajütte- Reisenden von den Zollbeamten abgefertigt, dann führt ein Regierungsboot die auswandernden Zvvischendecker sowie diejenigen Kajütte-Reisenden, gegen deren Zulassung möglicherweise etwas vorliegt1), samt ihrem Gepäck in wenigen Minuten nach Ellis Island. Eine yorzügliche Organisation sorgt dafür, dass trotz der grossen Anzahl — es handelt sich öfter um 500 und mehr Personen an einem Tage — die Abfertigung dieser Massen sehr glatt von statten geht. Nach der Ankunft übergeben die Einwanderer ihr Gepäck gegen eine Marke einem Beamten, dann eilen sie die Treppe hinauf und gelangen in einen grossen Saal, in dem die Hauptrevision vorgenommen wird. Dort passieren sie zunächst eine Barriere, an der zwei bis drei Aerzte und ebensoviel Matronen sie erwarten. Einem jeden werden in unheimlicher Fixigkeit die Augenlider umgedreht, um etwaige Trachomafälle festzustellen. Wer dieser Krankheit verdächtig ist, oder sonst bei dem flüchtigen Anschauen dem Arzt einer Untersuchung bedürftig erscheint, erhält ein Kreidezeichen auf den Anzug, z. B. S. gleich Senilität. Er wird nun mit der ganzen Familie in ein besonderes Zimmer zur weiteren Untersuchung geführt. Auch gravide Frauen kommen dorthin mit Rücksicht auf die schwierigen UnteihaltsVerhältnisse für die nächsten Monate. Die ganze Prozedur nimmt nur wenige Sekunden für jeden Einzelnen in Anspruch, kann also nur als eine nochmalige Revision der in Europa angestellten Untersüchuog gelten. Alle, die zur weiteren Untersuchung -1) Es handelt sich z. B. um solche, die eines Verbrechens wegen von Europa verfolgt -werden, oder um Prostituierte; aber auch um Leute, auf denen der Verdacht der contract labor ruht. Darüber siehe unten.