Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Die jüdische Auswanderung
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 479 - 480 (sequence 1)
- Language
- German
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479 Dr. jur. Bernhard Kahn: Die jüdische Ausvranderung. III. Der Durchzug durch Deutschland. 480 In Hamburg ist es den Herbergswirten polizeilich untersagt, russische Auswanderer in Logis zu nehmen. Alle aus Russland kommenden Emigranten müssen in die von der Hamburg- Amerika-Linie errichteten „Auswandererhallen". Diese befinden sich seit dem Jahre 1902 auf der „Veddel", sie wurden mit einem Aufwand von 1^2 Millionen Mark erbaut und nehmen eine Fläche von 25 000 qm ein. Die Lage ist so gewählt, dass die Auswanderer auf einem besonderen Bahnhof ankommen und so eingeschifft werden, dass sie die Stadt nicht zu berühren brauchen. Die ganze Anlage ist nach dem Pavillonsystem erbaut, nicht nach Kasernenart, und die einzelnen Gebäude sind im Pavillonstil aufgeführt; sie haben Zentralheizung und elektrische Beleuchtung und sind mit allen Bequemlichkeiten der Neuzeit ausgestattet. Es ist dafür gesorgt, dass alle Abwässer aus den Auswandererhallen, bevor sie in die Elbe fliessen, desinfiziert werden, damit keine Krankheitsstoffe iii den ElbfLuss kommen, der Hamburg mit Trinkwasser versorgt. Die Wege zwischen den einzelnen Gebäuden sind mit Bäumen bepflanzt, und die ganze Anlage macht einen äusserst gefälligen Eindruck. Für jüdische Auswanderer gibt es eine jüdische Küche, die unter streng ritueller Aufsicht steht; für das religiöse Bedürfnis ist weiter gesorgt durch eine Synagoge, in der die jüdischen Auswanderer ihre Gebete verrichten. Immer sind Sangeskundige unter ihnen genug, die die Vorbeterrolle übernehmen. Weniger grossartig sind die Einrichtungen in Bremen. Hier kann jeder Auswanderer sich in jedes beliebige Privatlogis begeben. Die jüdischen Auswanderer finden eine jüdische Herberge, die gleichzeitig eine koschere Küche und Speisesäle aufweist. Die Räumlichkeiten in Bremen haben zwar nichts von der Grossartigkeit der Hamburger: die Auswanderer sind aber auch dort in reinlichen, luftigen Zimmern untergebracht und bekommen eine gute und nahrhafte Kost. Es kann nicht geleugnet werden, dass das System, die Auswanderer von ihrer Ankunft an der Grenze bis zur Besteigung des Schiffes unter fortwährende Kontrolle zu stellen, sein Gutes hat. Sie können dadurch leichter vor gewissenlosen Personen, die sich an sie herandrängen, geschützt und vor Ausbeutung bewahrt werden: ihre Unerfahrenheit kann ihnen nicht allzu grosse Schädigungen bringen, sie bleiben vor mancher bitteren Erfahrung verschont. Aber gerade der jüdische Auswanderer empfindet die fortdauernde Ueberwachung und Bevormundung als einen lästigen Eingriff in die freie Selbstbestimmung. Aus welchen Gründen immer er seine Heimat verlassen haben mag, zu seinem Entschluss hat stets auch der Drang nach Freiheit mehr oder minder beigetragen: deshalb leidet er besonders stark unter den geltenden Bestimmungen über den Durchzug durch Deutschland, die seine Freiheit beschränken. Nachdruck verboten. Wenn das Eingang zum grüsst,oft symbolisch als der Eintritt in das Land der Freiheit bezeichnet, und — nicht ganz mit Unrecht — die Umbildung der Sitten und Anschauung der Einwanderer von diesem Zeitpunkte datiert worden ist, so darf man nicht vergessen, dass das Gros der Immigranten, nämlich alle Zwischendeckspassagiere und die IV. AUF ELLIS ISLAND. Von Dr. Theodor Vogelstein, München. Passieren der Freiheitsstatue, die am irgendwie verdächtigen Kajütte-R eisen den noch einmal New-Yorker Hafen den Fremden bein den Aussenbezirk vor der Freiheitsstatue zurücktransportiert werden, um erst dort auf ihre Berechtigung zur Einwanderunggeprüft zu werden. Wie sich dies abspielt, soll in den folgenden Zeilen mit besonderer Berücksichtigung der osteuropäischen Juden dargelegt werden. Ellis Island ist eine der kleinen Inseln, die in der Speiseraum II. Klasse in den Auswandererhallen der Hamburg-Amerika-Linie in Hamburg. äusseren und (Spezialaufnahme für „Ost und West" voh Zander & Labisch, Berlin.) inneren Bay