Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 459 - 460

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
Die jüdische Auswanderung
Date
1905-07-01
Page
Seite 459 - 460 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583939-2592477--05364-2592525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

459 Dr. jur. Bernhard Kahn: Die judische Auswanderung. I. Allgemeine Uebersiclit. 460 sandte, die grosse moderne Wanderbewegung der Juden, deren Ende heute noch nicht abzusehen ist. Seit dem Untergang des jüdischen Reiches hat die an Wanderungen so reiche jüdische Geschichte eine gleich grosse Massenbewegung kaum mehr aufzuweisen. Die Kreuzzüge und der schwarze Tod, die Vertreibung aus Spanien, die Greueltaten der Kosakenhorden Chmielnickis haben umfangreiche jüdische Wanderungen im Gefolge gehabt. Sie waren fluchtartiger als der traurige Wanderzug in unserer Zeit, reicher an Blut und Schrecken, aber sie schwollen im gleichen Zeitraum nicht zu der Höhe der Wanderung unserer Tage an. In den letzten 35 Jahren haben nahezu 172 Millionen Juden zum Wanderstab gegriffen. So lange die Ansiedelung in den überseeischen Gebieten eine vorwiegend bäuerlich-kolonisatorische war, musste naturgemäss der Jude in den grossen Wanderzügen, die über den Ozean gingen, fehlen. Erst als die rasche Folge industrieller Gründungen in Amerika eine Einwanderung von Handwerkern und Industriearbeitern erforderlich machte, war die Möglichkeit für die Aufnahme grösserer jüdischer Einwanderermassen gegeben. Gerade in der Zeit, als die Aliiance die ersten Auswandererzüge organisierte, erlebte Amerika eine Periode des Aufschwungs, der einem fast ungehemmten Strom von Einwanderern volle Betätigung verhiess. Im Jahre 1873 trat jedoch auch in Amerika eine finanzielle Krisis ein. Infolgedessen nahm die jüdische Einwanderung gleich der übrigen eine Zeitlang an Stärke erheblich ab. Das änderte sich plötzlich im Jahre 1881. Die blutigen Massakres in Russland, die damals ausbrachen, und die im Jahre darauf erfolgende Beschränkung des Wohnrechts der Juden, vernichtete zahlreiche Existenzen. In grossen Massen wandten sich die bedrohten Juden nach Amerika. Seit jener Zeit ist die jüdische Auswanderung ein Gradmesser für die Wucht der Schläge geworden, mit denen unser Volk durch grausame Gesetze und Verordnungen, durch feindselige Volksstimmungen und ungünstige wirtschaftliche Entwickelung bedacht wird. An der Zahl der Einwanderer, die jenseits des Ozeans landen, kann die Grösse von Not, Elend und Unterdrückung der Juden mit Leichtigkeit abgelesen werden. Das Jahr 1891 bezeichnet wiederum einen Höhepunkt der jüdischen Auswanderung. In diesem Jahr zog der russische Despotismus durch erneute Verschärfung der Bestimmungen über das Wohnrecht den engen Kreis, in dem sich das obendrein wenig freie Spiel der Kräfte entfalten durfte, für die Juden noch enger. Dies und neue Hetzen des Pöbels jagten wiederum Tausende übers Meer. Die Scharen dieser Heimatsucher aus Russland werden erheblich verstärkt durch unsere jüdischen Volksgenossen aus Rumänien und Galizien. Dort raubt eine judenfeindliche Gesetzgebung den Juden die Möglichkeit auch der bescheidensten Existenz, hier zwingt die ungünstige ökonomische Entwickelung die Juden zum Verlassen des Landes. Die Not der jüdischen Massen steigert sich von Jahr zu Jahr, die Auswanderung wächst ins Riesenhafte. Im abgelaufenen Jahr1) allein wird — den glaubwürdigsten Berichten nach — die Gesamtauswanderung eine Viertelmillion erreichen. Eine ziffernmässig genaue Angabe der Höhe der jährlichen jüdischen Auswanderung ist nicht zu erhalten. Seit dem Jahre 1899 veröffentlicht das amerikanische Einwanderungsamt die Zahlen der einwandernden Juden. Es sind nach diesen Angaben eingewandert: 1899 37 415 1900 60 764 1901; 58 098 1902 57 688 1903 P 76 203 19041106 236 24 275 37 011 37 660 37 846 47 689 77 544 11 071 16 920 13 006 12 848 18 759 20 211 1343 6183 6827 6589 8562 6446 321:311715 12 °/0 313: 448 572113,5% 333 487 918 11,9 % 223 , 64S 743! 8,8 % 716 : 857 046! 8,9 % 1366 812 870 13 % Amerika ist das Haupteinwanderungsland. 85 °/0 aller jüdischen Auswanderer wenden sich dorthin. Etwa 10 % gehen nach England. Die übrigen 5 % verteilen sich auf andere überseeische Länder und auf den europäischen Kontinent. Aus der obigen Tabelle ist ersichtlich, dass die Einwanderung der Juden nach Amerika nur absolut zunimmt, nicht dagegen relativ. Der Prozentsatz, den die Juden zur Gesamteinwanderung stellen, ist seit dem Jahre 1900 gefallen und hat nur infolge der gegenwärtigen traurigen Verhältnisse in Russland die gleiche Höhe wie vor fünf Jahren erreicht. Wenn angenommen wird, was den Tatsachen im grossen und ganzen entspricht, dass die obigen Zahlen für Amerika 85 % der jüdischen Auswanderung überhaupt betragen, dann erhalten wir für die einzelnen Jahre folgende Zahlen der jüdischen Gesamtauswanderung (abgerundet): 1899........ 44 000 1900 ........ 71 500 1901 ........ 68 350 1902 ........ 67 900 1903 ........ 89 650 1904 ........ 125 000 Ein Sprichwort des jüdischen Golus sagt „meschaneh mokaum — meschaneh masol", „In der Auswanderung liegt das Heil." Wieviel Tausende der jüdischen Auswanderer werden das Trügerische dieses 1) Das amerikanische Fiskaljahr vom 1. Juli 1904 bis 31. Juni 1905. 2) Viele einwandernde Juden weiden als Deutsche, Franzosen etc. gezählt. (Vgl. den Artikel „Auf Ellis Island".)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.