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Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 457 - 458

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
Die jüdische Auswanderung
Date
1905-07-01
Page
Seite 457 - 458 (sequence 1)
Language
German
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457 458 Aus den letzten blutigen Judenkrawallen in Russland. Die gefallenen Helden von Shitomir. 1. Nikolai Blinow, Student, Christ, Sozial-Revolutionär. 2. Mordechai Dossik, Sozialdemokrat. 3. Israel Pack, Zionist. 4. Salomo Weinstein, Student, Bundist. Die hier Abgebildeten gehörten in Shitomir zu den hervorragenden Organisatoren und Leitern der „Selbstwehr" („Samooborona", eine in den meisten Städten Rrsslands seit einem Jahre bestehende, gut organisierte uod bewaffnete jüdische Vereinigung, der in manchen Orten auch icvolutionäre Chris'en angehören) und sind am 9. M*i d'eses Jahres in Shitomir in dem blutigen Kampfe mit der von den russischen Polizei- Agenten in vielen russischen Städten organisierten ..Schwarzen Horde" (Tschernoja Sotnja" zur Ausrottung der Juden und der „Intelligenz") gefallen. DIE JÜDISCHE AUSWANDERUNG. Von Dr. jur. Bernhard Kahn, Berlin. I. ALLGEMEINE ÜBERSICHT. „In der Auswanderung, ja in der Auswanderung Druck zu erblicken, liegt das Heil der Juden Russlands. Ist es so schwer, ihnen dazu zu verhelfen? Traget bei zu den Kosten einer Reise von der russischen Grenze nach einem deutschen Hafen und von Deutschland nach Amerika, das ist alles, was man von uns verlangt. Für das weitere sorgt Amerika." So sprach in der Generalversammlung der „ Alliance Israelite Universelle" vom 12. Mai 1872 Herr N. Leven, und der Bericht verzeichnet Beifall. Wer heute mit solchen Worten zu einer Unterstützung der Auswanderung aufmuntern wollte, der dürfte schwerlich seinen Zuhörern ein Beifallszeichen entlocken. Es ist längst nicht mehr richtig, dass Amerika jedem Arbeitsfähigen und -willigen, der an seinen Küsten landet, eine Erwerbsmöglichkeit bietet. Der unterstützte Einwanderer gar ist ein sehr unwillkommener Fremder geworden. Die Ansicht, dass der Judennot im Osten Europas durch eine Auswanderung schlechthin wirksam gesteuert werden könnte, hat gleichfalls eine gründliche Wandlung erfahren. Damals aber entsprach es ganz dem Zuge der Zeit, die Auswanderung als Armenfürsorge grossen Stils zu betrachten. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts begann man allgemein in der bislang sehr scheel angesehenen Auswanderung ein Heilmittel gegen die Uebervölkerung und den daraus entstehenden wirtschaftlichen Nachdruck verboten. Man glaubte durch eine planmässig geleitete Emigration das gestörte Gleichgewicht in dem Verhältnis zwischen Bevölkerung und Erwerbsgelegenheiten wieder herstellen zu können. In England wetteiferten Staat, Gemeinden und private Organisationen in dem Bestreben, die Massenarmut durch weitgehende Unterstützung der darbenden Bevölkerung zur Emigration zu lindern. Nicht ganz ohne Erfolg blieben diese Massnahmen in Irland. Auch deutsche Staaten und Gemeinden und viele Kantone der Schweiz sandten in gleicher Absicht Tausende über das Meer. Als infolge von zweijährigem Misswachs in den von Juden dichtbevölkerten westlichen Teilen Russlands Ende der sechziger Jahre eine schwere Hungersnot ausbrach, wurde zum erstenmal das ganze Elend der russisch-polnischen Juden vor dem mitleidsvollen Auge von Europa in seiner ganzen Grösse aufgedeckt. Die damals noch junge Alliance griff mit rascher Hilfe ein. Um den durch grausame Gesetze im Ansiedelungsrayon zusammengepferchten Massen Luft zu schaffen, organisierte sie im Jahre 1869 die erste Auswanderung nach Amerika. Zwar haben sich schon vorher die Juden, wenn auch in geringer Zahl, an dem Zug über den Ozean beteiligt. Doch beginnt erst mit dem Häuflein von mehreren hundert Familien, das die jüdische Wohltätigkeit während der damaligen Hungerjahre in Polen nach der neuen Welt hinüber-

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