Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 453 - 454 (sequence 3)
- Language
- German
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453 Dr. Martin Philippsou: Jerusalem. 454 grössten Teil der Bevölkerung Jerusalems ausmachen, spielen sie. oder spielt vielmehr das Judentum hier eine sehr untergeordnete Rolle. Das christliche Element besitzt ein prächtiges Wahrzeichen, einen Mittelpunkt und eine Verherrlichung in der riesigen, mit ungeheuren Reichtümern ausgestatteten Grabeskirclie, zu der sich neuerdings die wahrhaft schöne, auf weithin sichtbarer Stätte von dem gegenwärtigen deutschen Kaiser für die Protestanten errichtete Erlöserkirche gesellt. Der Islam wird auf das würdigste durch die auf dem Moriah erbauten grossartigen Moscheen Es Sachra und El Aksa repräsentiert, von denen zumal die erstere das gesamte Stadtbild königlich beherrscht. Für jeden fremden Besucher erscheint Jerusalem als eine halb mohammedanische, halb christliche Stadt. Die Juden, sechsmal so zahlreich wie die Moslemin und mehr als dreimal so stark wie die Christen, verschwinden dagegen vollständig. Ihre Synagogen sind baulich unbedeutend, die meisten klein und düster. Das treffliche Reisehandbuch Bädekers, das selbst für die Wissenschaft von Bedeutung ist, weiss von den Israeliten nichts zu sagen, als (Aufl. 1904, S. 31): „Das schmutzige Judenquartier enthält nichts Bemerkenswertes." Doch halt — es gibt eine jüdische Sehenswürdigkeit, die Klagemauer. Durch unglaublich schmutzige und stinkende Gassen, die von (mohammedanischen) Afrikanern bewohnt, aber von den Fremden stets als „Judengassen" aufgefasst werden, gelangt man zu dem Ueberrest der alten Tempelmauer. Ein schmaler Streifen Land zieht sich an ihr hin, und hier stehen Bänke, von wo aus der tausendjährige religiöse und nationale Schmerz der Juden zum Schauspiel für die touristischen Krethi und Plethi gemacht wird, die sich ungeniert Glossen jeder Art über die Seelentrauer des unglücklichen Volkes gestatten. Jüdische und nichtjüdische Bettler machen sich das „Schauspiel" zunutze, um die Fremden anzuschnorren. Das Ganze ist eine Schande und Schmach, die jedem ehrliebenden Juden die Schamröte auf die Wangen und die Tränen in die Augen treibt, und von deren Eindruck er sich lange nicht erholen kann. So steht es mit dem äusseren Erscheinen des Judentums in einer Stadt, die seit drei Jahrtausenden dessen religiöser Mittelpunkt, dessen Heiligtum ist, die viele Jahrhunderte hindurch auch seine weltliche Hauptstadt war, und die noch heute vorzugsweise von Juden bewohnt und das Ziel der Wünsche und Träume von Millionen Juden ist. Nichts kann abschreckender und schauerlicher gedacht werden, und wenn der Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit nicht so grässlich wäre, müsste er geradezu lächerlich wirken. Dieser Zustand ist, den Andersgläubigen gegenüber, ein Chillul haschem, wie es schlimmer nicht vorgestellt werden könnte; zugleich aber übt er auf die dortigen Juden einen demoralisierenden und herabwürdigenden Einfluss. Schmutz, Elend und Demütigung vor den Andersgläubigen erscheinen zurzeit den jerusalemitischen Israeliten als das einzig Mögliche, historisch Gegebene, Selbstverständliche und Unabänderliche; das nationale Ehrgefühl, der beste und wirksamste Ansporn zur Besserung, zum Vorwärtsstreben, wird ertötet oder vielmehr, es tritt gar nicht ins Leben. Nun wohl, es gäbe hier Grosses zu schaffen. Auf einem weithin sichtbaren Punkte der neuen Judenstadt Jerusalems müsste sich eine grosse, prächtige und doch edle, eindrucksvolle Synagoge erheben als Wahrzeichen dafür, dass die jüdische Gemeinschaft noch heute in der allen heiligen Hauptstadt gleichberechtigt den Tochterreligionen zur Seite steht. So würde an diesem Mittelpunkte der religiösen Kulturwelt die ewige Lebensfähigkeit des israelitischen Stammes und seines Bekenntnisses augenfällig dargetan, so der jüdische Charakter unserer Stadt Jerusalem nachdrücklich erwiesen, so anderseits die einheimische jüdische Bevölkerung zum Bewusstsein ihrer Würde, ihres wirklichen Ranges unter der Gesamteinwohnerschaft und ihrer Bestimmung als Repräsentantin des früheren Nationalstaates erhoben werden. Das Judentum w-ürde in Jerusalem nicht mehr als nur unterdrückt und elend, es würde als stark und zukunftsreich erscheinen. Freilich, die morgenländischen Glaubensgenossen können das Werk nicht schaffen. Wir haben auch keine Fürsten und Volksvertretungen, die dieses stiften und erhalten könnten. Aber sollten die europäischen und amerikanischen Israeliten nicht imstande sein, die etwa dazu nötigen zwei Millionen Frank durch freiwillige Beiträge aufzubringen? Der Gottesdienst in dieser Synagoge