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Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 451 - 452

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
Jerusalem
Date
1905-07-01
Page
Seite 451 - 452 (sequence 2)
Language
German
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451 Dr. Mai tin Philippson: Jerusalem. 452 terndste Tragik für das hochstrebende Menschenherz! Das Land der Verheissung, die Rast nach dem unendlich langen Wandern, die Erfüllung des idealsten Wunsches, das Endziel seines ganzen Lebens wurden dem genialen Gesetzgeber und Religionsbegründer vorenthalten. Und wiederum der Gipfel des Moriah, der in felsiger L'rsprünglichkeit inmitten der Tempelmoschee Es Sachra zutage tritt, durch eine kostbare Marmorschranke pietätvoll vor dem Betreten und Betasten der Menge geschützt! Wie viele wunderbare Legenden und Erinnerungen umschweben diesen einzigen Ort, von der Opferung Isaaks an bis zum Heiligtume Davids, den Tempeln Salomos und Herodes', zu deren Erstürmung und Wiederherstellung, der furchtbaren blutigen Zerstörung durch Titus, dem Auftreten Jesu und dem Wunderbesuche Mohammeds. Ein wenig abwärts aber steigt man hinunter in die Stibstruktionen des Königspalastes, die gewaltigen Säulengänge aus altjüdischer Zeit, wo wir noch auf die ungeheuren Grundmauern des Hauses Salomos, ja auf die Reste der vorjüdischen Jebusiterstadt treffen. Da bewegt sich das Herz, und selbst dem ruhig und nüchtern denkenden Juden von heute geht die Vergangenheit in romantisch nationalem Schimmer auf. Die Manen meines unvergesslichen Vaters umschwebten mich, des begeisterten Dichters, der jene Bauwerke und ihre Bewohner in seinen von edlem Enthusiasmus getragenen geschichtlichen Novellen und Romanen verherrlicht hat. Eine wunderbare Pietät erfüllte die Seele, und das Starre, Kühle modernen wissenschaftlichen Denkens schmolz dahin . '. Aber wie tief ist von diesen Höhen der Erinnerung und der Phantasie der Absturz, wenn wir die Zustände der Juden im heutigen Jerusalem betfachten! Freilich, ihre Zahl mehrt sich schnell: sie beträgt schon über 40000 Seelen, mehr als das Doppelte wie die der Moslemin und der Christen zusammen genommen. Weite, neu entstandene Viertel, ausserhalb der eigentlichen von Mauern umschlossenen Stadt, sind ausschliesslich von Juden bewohnt. Von allen Seiten strömen sie herbei, die Bocharioten, die noch Vielweiberei treiben, die kriegerischen Bergjuden des Kaukasus, die Leute aus dem Euphratlande, Deutsche, Italiener, aber vor allem die zahllosen Galizier, Polen, Russen, Rumänen. Immer mehr wird das Hebräische zur eigentlichen Sprache dieser Myriaden, es ist ihnen keine tote, sondern eine lebende, eine nationale Rede. Fern sei es von mir zu verkennen, wie viele tüchtige und ehrenhafte Geschäftsleute, fleissig strebende Gelehrte, Lehrer und Lehrerinnen es unter diesen jerusalemitischen Glaubensgenossen gibt, die von Verständnis und Eifer für die Zukunft der Gemeinschaft erfüllt sind. Allein es muss gesagt werden: die grosse, die überwiegende Mehrzahl sind Bettler, im Schmutze lebend. Sie sind nicht viel schlimmer, als ihre mohammedanischen und christlichen Mitbürger — alles dies Volk zehrt zum weitaus grössten Teile von der Mildtätigkeit Europas und Amerikas. Alle sind sie auch von dem wildesten Fanatismus beseelt, der europäisches Wesen nur so weit anerkennt, wie es Almosen spendet, sonst aber mit leidenschaftlichem Hasse betrachtet, und der nur von engherzigster Frömmelei wissen will. Jede Bildung, mit Ausnahme der talmudischen, ist diesen jerusalemitischen Juden ein Greuel; die Schulen, die Zeitschriften, die Bücher — auch die allerorthodoxesten — die diese enge Grenze überschreiten, werden von den leitenden Rabbis in den Bann getan. Nur Schulen können hier helfen. Aber nicht allein die schon vorhandenen, zum Teil ganz vortrefflichen Elementarschulen für Knaben und Mädchen, deren meiste, wenn sie die Schule verlassen haben, bald wieder in das alte materielle und geistige Elend zurücksinken. Auch nicht das an sich so schätzenswerte Lehrerseminar, das jetzt von Deutschland aus begründet worden ist. Sondern nur zweierlei: einmal eine beträchtliche Ausdehnung der Handwerksschule, die Alliance israelite universelle und Jewish Colonization Association gemeinsam betreiben; und vor allem, zweitens, Fortbildungsschulen, die, mit technischen und kommerziellen Kursen ausgestattet, den Zögling während der gesamten bildungsfähigen Jahre festhalten und ihn erst als fertigen Menschen loslassen, der durch Wissen, Können und Lebenshaltung für immer in die Sphäre der Ehrenhaftigkeit, der physischen und moralischen Reinlichkeit und Tüchtigkeit erhoben ist. Doch das habe ich an anderem Orte ausgeführt. Hier möchte ich auf ein weiteres hinweisen. Obwohl die Juden jetzt den bei weitem

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