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Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 449 - 450

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
Jerusalem
Date
1905-07-01
Page
Seite 449 - 450 (sequence 1)
Language
German
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449 450 JERUSALEM. Von Prof. Dr. Martin Philip pson. Nachdruck verboten. Palästina ist kein Touristenland in dem gewöhnlichen Sinne des Worts. Man findet hier keine grossartigen und hinreissenden Naturschönheiten: gewaltige, schnee- und eisbedeckte Gebirge, rauschende Bäche, mächtige Wälder; man begegnet ebensowenig herrlichen und eindrucksvollen Werken menschlicher Kunst. Bildhauerei und Malerei waren den alten israelitischen und sind den jetzigen mohammedanischen Herren des Landes fremd. Die monumentalen Bauwerke aber aus der besseren und reicheren Vergangenheit sind durch die zahllosen Völkerwanderungen und Kriegsstürme, die über Palästina verheerend hinweggegangen sind, von Grund aus zerstört worden. Nur Gräber und Substruktionen — also unter der Erde! — sowie geringe Reste der Tempelmauern und einige Festungstürme zeugen von der verschwundenen Pracht. Unter den späteren Bauwerken aber gibt es nur eines, das wahrhaft schön ist: die sogenannte Omar- oder vielmehr Es Sachra-Moschee, die die Stelle des früheren Tempels auf dem Moriah-Berge einnimmt. Also Schönheitsbedürfnis oder auch nur Neugier vermögen den Fremden nicht nach dem heiligen Lande zu ziehen. Wenn er es gemessen will, so muss er selber etwas dahin mitbringen: die Liebe zu der uralten Heimat unseres Stammes, die Verehrung für die Stätte so grosser und auch menschheitlich so interessanter Vorgänge, die mystische Bewunderung für den heiligen Mittelpunkt der drei grossen Kulturreligionen, für das Ziel der Träume ungezählter Millionen seit zwei Jahrtausenden. Gänzlich entrückt dem Jetzt, müssen Phantasie, Gefühl und Erinnerung den weitesten Spielraum sich schaffen und ausfüllen und die wenig einladenden Oertlichkeiten der Gegenwart mit den hohen Gestalten und den glänzenden Schöpfungen einer grossen Vergangenheit ausstatten. Nur der, der solches zu empfinden und hervorzuzaubern vermag, soll Palästina besuchen; jeder andere tut besser; fern zu bleiben und sich damit bittere, entmutigende Eindrücke und Nachklänge zu ersparen. Aber wie tief ist die Erregung dessen, dem hier die Wunder der biblischen Ueberlieferung leiblich aufgehen! Wie findet er seelische Bewegungen eigener und ergreifender Art, mit denen keine anderen sich vergleichen und messen dürfen. Was schon die Kinderseele mit seltsamen Vorstellungen und Bildern beschäftigte, die Erzählungen frommer Eltern oder Lehrer, das unzähligemal Gehörte und Gelesene, der Inhalt der Gebete und Bibelvorlesungen, die Gegenstände der genialsten und wirksamsten Meister der bildenden Künste — alles das wird hier lebendig und tritt uns in seiner natürlichen Umgebung und eigentlichsten Atmosphäre entgegen. Denn das konservative Wesen des Orients hat den Oertlichkeiten wie den sie bewohnenden Menschen in all ihrer äusseren Erscheinung noch den alten Stempel fast vollständig belassen, und mit ein wenig Einbildungskraft können wir die vertrauten Gestalten der Patriarchen und Urmütter, der Propheten und Könige, der Heldinnen und Krieger in den Beduinen und Ackerbauern und deren Frauen wiederfinden, die auf dem Boden des heutigen Palästina schreiten. Kräftig, trotzig und doch sorgfältig angebaut an jeder nur irgend geeigneten Stelle, erheben sich die Berge von Juda zwischen der blühenden Ebene Saron, wo einst die Philister wohnten, bis zur tropisch heissen Niederung des Jordan, über den die blauen Höhen von Moab, einem anderen Erbfeinde Judas während vieler Jahrhunderte, herüber drohen. Hier ist der Ort, wo Boas die holde und edle Ruth fand; dort kämpfte David die Entscheidungsschlacht mit den Philistern; an jenem Platze erhob sich der Tempel Salomos; an dem anderen steht der mächtige Davidsturm. Oder wir fahren an Mizpah vorbei, wo Samuel gewaltet, an der Stelle, wo David den Goliath gefällt hat, zur Ebene von Ramleh. Durch das Tal Josaphat, das grabsteinbedeckte, wohin frommer Glaube die Stätte des grossen Totengerichts verlegt, gelangen wir auf die Höhe, von der aus man weithin den Berg Nebo erschaut, wo Israels grösster Sohn, wo Moses den menschlichen Augen entrückt wurde, nachdem er vierzig Jahre lang dem Lande der Verheissung zugestrebt und es endlich von ferne in üppiger Pracht vor sich gesehen hatte, ohne es betreten zu dürfen. Wahrlich die ffewaltisfste, zerschmet-

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