Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Raschi
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 437 - 438 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Rashi 2× ep/1002670
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437 Dr. M. Güdemann: Raschi. 438 anders Grotius! — Mich Knaben ärgerte die Sentenz, die ich nun glauben muss." Genau so verhält es sich mit Raschi. Der jüdische Knabe, der nur eben imstande war, den Pentateuch zu übersetzen, musste beim „Verhören" die eine oder die andere Raschi aufsagen — denn man sagte „die" Raschi, wenn man eine Stelle in seinem Kommentare bezeichnen wollte —, und das Antlitz des Rabbi verklärte sich, wenn das Kind auseinanderzusetzen wusste, was Raschi meine. Aber das gleiche Studium widmete auch der grösste Talmudgelehrte allsabbatlich dem Raschikommentar und hob immer neue Schätze aus dieser Fundgrube, förderte immer neue Geistesblitze aus deren unergründlichem Inhalt. Im Mittelalter florierten die Disputationen christlicher Geistlicherund Rabbiner. Die letzteren beteiligten sich nur gezwungen an diesen öffentlichen Zweikämpfen, die Heine so launig geschildert hat. AVenn die Kontroversen auch nicht die Bekehrung der Juden herbeiführten, worauf sie angelegt waren, so bewirkten sie doch, dass die christlichen Geistlichen sich mit der rabbinischen Literatur vertraut zu machen suchten. Dabei waren ihnen getaufte Juden behülflich. Die eigentümlichen Wirkungen dieser Vorgänge wären noch genauer zu untersuchen. Das geistliche Latein bekam auf diese Weise einen Stich ins Hebräische, wie man z. B. das hebräische darasch lateinisch mit darsare wiedergab, und auf manchen Geistlichen war wohl anwendbar, was Raben er im achtzehnten Jahrhundert von einem sagt, den er lächerlich machen will: „Er wird als halber Rabbiner in der Gesellschaft unausstehlich." Genug, der interkonfessionelle Verkehr machte auch den Kommentar Raschis in christlichen Kreisen bekannt. Der französische Franziskanermönch Aeussere Ansicht der Raschi-Kapelle in Worms. Innere Ansicht der Raschi-Kapelle. Raschi's Stuhl in der Mitte. Nikolaus von Lyra (Lire in der Normandie), der gegen 1292 geboren wurde, hat in seinen exegetischen „Postillen" zum Alten und Neuen Testament Raschi sehr fleissig benutzt, so dass man ihn dessen Affen genannt hat. Da Luther wiederum des genannten Franziskaners sich bediente, so entstand das Witzwort: „Hätte Lyra nicht geleiert, so hätte Luther nicht getanzt." Indirekt hat Raschi also auch Luther beeinflusst. Viele seiner Kommentare wurden frühzeitig ins Lateinische übersetzt und dadurch auch unter den christlichen Theologen verbreitet. Ein Kranz von Sagen ist um das Haupt Raschis gewunden. Das ist eine Huldigung des Volksgeistes, die nur denen zuteil wird, die sich einen Platz im Herzen des Volkes erobert haben. Raschi hat den Zugang zu diesem Heiligtum gefunden, indem er sich volksmässig auszudrücken und die sinnigen Auslegungen der Hagada mit seinen streng wissenschaftlichen Erklärungen zu vereinigen wusste. Es ist eine wunderbare Mischung verstandesmässiger und phantasievoller Darstellung, von Kritik und Poesie, die den Bibelkommentar Raschis auszeichnet. Dadurch hauptsächlich ist dieser Kommentar ein wahres Volksbuch geAvorden, das seit achthundert Jahren unzertrennlich von der Tora ist. Je mehr die Juden durch die Strömung der Gegenwart dazu gedrängt werden, sich auf sich selbst zu besinnen, desto mehr werden sie sich auch wieder der Tora zuwenden, desto mehr werden sie aber auch erkennen, was sie an Raschi, als dem Erklärer der Tora, besitzen. Denkmäler zu errichten, lässt unsere Religion nicht zu. Die Steine reden bei uns nicht oder sie reden höchstens eine tote Sprache, die lebendige Sprache des Geistes und des Herzens, die sich in die Worte Raschis versenken, sie hat sein Andenken von Geschlecht zu Geschlecht sfetrasjen und wird es weiter tragen.