Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Raschi
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 435 - 436 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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435 Dr. M. Güdemann: Raschi. 436 geneigt, dass ein Kommentar nur den Inhalt darbietet, der ihm aus dem kommentierten Text zufliesst. Das ist in der Hauptsache wahr, und einer der Vorzüge des Raschikommentars ist eben in dieser Beschränkung, in der geflissentlichen Absicht begründet, nur den Inhalt des Textes dem Verständnis zu vermitteln und alles Subjektive beiseite zu lassen. Man darf aber nicht vergessen, dass lür diese eigentlich nur hilfswissenschaftliche Tätigkeit eine ausserordentliche Sachkenntnis und ein ganzes Arsenal instrumentaler Ausrüstung erforderlich ist. In dieser Richtung kam nun Raschi der Umstand zustatten, dass er in einer Zeit lebte, in der die Tradition noch durch die verlässlichsten Gewährsmänner mündlich fortgepflanzt wurde, und noch nicht in das Bett der Schriftstellerei geleitet war. Es ist etwas ganz anderes, mündliche Belehrung zu empfangen, als sich aus Büchern zu unterrichten. Diese sind stumme Lehrmeister, die keine Fragen beantworten, keine Zweifel lösen, während der Unterricht bewährter Meister den Gegenstand nach allen Seiten beleuchtet und in dem Geiste des Schülers kein Dunkel lässt. Nun gar auf dem Gebiete der Religion und der religiösen Tradition! Diese lebt in der mündlichen Belehrung, während sie in der schriftlichen Darstellung nicht selten verhärtet und versteinert. Hier sind also Männer, welche noch die lebendige Tradition empfangen haben und weiterzugeben vermögen, von der grössten Bedeutung. Solche Männer hatte Raschi in seinen Lehrern Jakob ben Jakar und Isak ben Eleasar Halevi zu Worms, wie in Isak ben Juda zu Mainz gefunden. Bei ihnen hatte er sozusagen aus der Quelle getrunken und das ganze jüdische Altertum aus dem Grunde kennen gelernt. Diese Unmittelbarkeit der Empfängnis spiegelt sich in seinem Kommentar, was demselben, abgesehen von seiner Bedeutung für die Auffassung des Textes, einen positiven Inhalt verleiht. Ein gutes Teil der Verdienste Raschis liegt in der kritischen Feststellung des Talmudtextes, deren Wichtigkeit durch den Hinweis darauf, dass man nur aus Handschriften studierte, von denen jede verschiedene Lesarten darbot, genügend gekennzeichnet ist. Ferner hat uns Raschi durch seine Wort- und Sacherklärungen Aufschlüsse verschafft, deren wir ohne ihn wahrscheinlich ermangeln würden. Endlich ist der Talmudkommentar Raschis auch für die Kenntnis dessen, was zu seiner Zeit in religiöser Hinsicht geltendes Recht und allgemeiner Brauch war, von höchster Bedeutung. So geht die Leistung Raschis, die er durch seine kommentatorische Tätigkeit vollbracht hat, weit über das Verdienst, das einer solchen im allgemeinen zukommt, hinaus. Sein Kommentar ist eine Fundgrube für lexikalische und antiquarische Forschungen, und in decisorischer Hinsicht ist er vielfach grundlegend. Es liegt aber auf der Hand, dass dieser inhaltliche Wert der Kommentare Raschis auf seinen Verkehr mit den sogenannten grossen Lehrern zurückzuführen ist, durch die ihm die lebendige Tradition vermittelt und der Reichtum der Vergangenheit erschlossen wurde. Die eigentümliche Geistesrichtung, die Raschi durch diese Unterweisung erhielt, tritt auch darin hervor, dass er durch das Altertum manche Erscheinung seiner Zeit, oder jenes durch diese zu erklären sich bemühte. Er schlägt eine Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen den Erscheinungen des Tages und Vorkommnissen aus der biblischen Zeit. So zeichnen sich die Kommentare Raschis durch eine Aktualität aus, die dieser Art wissenschaftlicher Betätigung gewöhnlich abgeht, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, wie sehr durch diese Verbindung seiner Kommentare mit den Tagesbegebenheiten, die ihnen den Reiz der Unmittelbarkeit verlieh, das Interesse der Leser angeregt wurde. Von der gleichen, ja vielleicht von noch grösserer Bedeutung sind die Kommentare Raschis in formaler Hinsicht. In der Fabel bringt der Diener, der mit dem Auftrag auf den Markt geschickt wird, einmal das Beste, dann wieder, das Schlechteste zu kaufen, jedesmal eine Zunge, nach dem Bibelwort: „Tod und Leben sind in der Macht der Zunge." Ebenso kann man von dem Kommentar sagen: er ist das Beste und das Schlechteste. Wie unendlich langweilig kann ein Kommentar durch Redseligkeit und Weitschweifigkeit werden, und wiederum, wie anregend, belehrend und fesselnd wirkt er bei richtiger Fassung. Raschi legt aus, nicht unter, er nimmt dem Leser das Denken nicht ab, er schärft es vielmehr, so dass ihm keine Schwierigkeit, keine Schönheit des Textes entgehen kann, der erst durch den Kommentar Licht und Leben erhält. Raschi beschränkt sich auf das Notwendigste und verwirrt nicht durch Redseligkeit, sondern durch Kürze wirkt er aufklärend. Er sagt weder zu wenig, noch zu viel. Das durch den Volksmund seit Jahrhunderten vererbte Sprichwort, zu Raschis Zeiten habe ein Tropfen Dinte einen Dukaten gekostet, sehildert treffend Raschis Sparsamkeit und Genauigkeit im Ausdruck. Dies erklärt die grosse Beachtung, die man jedem Worte, jeder Wendung Raschis geschenkt hat, und die grosse Anzahl von Superkommentaren, die seine Kommentare hervorgerufen haben. Die Doppelnatur der Kommentare Raschis, ihre leichte Verständlichkeit und ihre Tiefe machten dieselben für den Anhänger wie für den Gelehrten gleich wertvoll. Die Lustspiele des Terenz wurden wegen der in den Dialogen eingestreuten Sentenzen in den christlichen Lateinschulen des Mittelalters viel gelesen. Als einmal der berühmte holländische Rechtslehrer und Staatsmann Hugo Grotius bei der Lektüre dieses Schulbuches betroffen wurde und dadurch Verwunderung erregte, rechtfertigte er sich mit der Bemerkung: „Anders lesen Knaben den Terenz, anders Grotius." Auf dieser Anekdote beruht der Spruch Goethes: „Anders lesen Knaben den Terenz,