Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Raschi
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 439 - 440 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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439 Dr. M. Güdemann: Raschi. 440 Inzwischen soll nicht unerwähnt bleiben, dass Salomon Buber in Lemberg, einer der fleissigsten, kenntnisreichsten und opferwilligsten Herausgeber altjüdischer Literaturwerke, zur Feier des achthundertsten Todestages Raschis die Bildung eines Fonds für die Herausgabe handschriftlicher Werke des letzteren und anderer berühmter Autoren angeregt hat. Der Verfasser dieses Artikels würde sich freuen, wenn durch denselben der eine oder andere Leser bestimmt würde, einen Beitrag zu diesem Fonds an den genannten Gelehrten einzusenden. JULIUS Ein Gruss zu seinem SO. Von Dr. L. 1 In seltener, beneidenswerter Frische des Geistes und des Körpers betrat er die Schwelle jenes Lebensalters, welches der Psalmist das Alter der Heldenkraft benannte. Und indem er in diese Ruhmeshalle eintritt, bringt er eine Reihe von herrlichen Siegeskränzen mit, die er auf dem Felde der Wissenschaft errungen, im Kampfe um die Erkenntnis und um die Bereicherung des menschlichen Geistes. Ein echter Held, ruht er aber nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern ist unermüdlich rüstig bei der Arbeit, die eroberten Gebiete in Besitz zu nehmen, sie urbar zu machen und in fruchtbares Land zu verwandeln, wo die edle Frucht der Wahrheit und der Wissenschaft gedeiht. Julius Opperts Namen wird für alle Zeiten mit einer der grössten Ruhmestaten, welche der europäische Geist im 19. Jahrhundert vollbracht hat, verknüpft sein. Wenn die assyriologische Wissenschaft in unseren Tagen angefangen hat, auch die breiteren Schichten des gebildeten Publikums zu interessieren, wenn laienhafter Uebereifer heute von ihr sogar die Lösung einiger der tiefsten Rätsel des geschichtlichen Lebens erwartet — so geben sich doch nur wenige klare Rechenschaft davon, welch ein Aufwand von aufopfernder, liebevoller, geduldiger Arbeit, welch ein ans Wunderbare grenzender Scharfsinn und geniale Kombinationsgabe dazu gehörte, um die Keilinschriften zu entziffern, in die Geheimnisse ihrer Sprache einzudringen und ihren Inhalt für die Erkenntnis der Geschichte des Menschengeschlechts auf unserem Erdball zu verwerten. Das konnte nicht das Werk eines Mannes, ja nicht einmal das Werk einer Generation sein. Beinahe ein volles Jahrhundert hindurch haben die Männer der Wissenschaft an diesem grossen Bau geschaffen. Und in der vordersten Reibe, als einer der ersten, verdienst- Geburtstag. 9. Juli 1905. )lias (Paris). Nachdruck verboten. vollsten und bedeutendsten unter diesen Männern steht Julius Oppert. Wie ein Wundermärchen nimmt es sich aus, dass der Mensch es vermocht hat, in einer Reihe von verwitterten Keilen und Häkchen, die vor Jahrtausenden in harte und steile Felswände gehauen wurden, menschliche Schriftzüge zu entdecken und zu lesen und aus ihnen eine Sprache herauszuhören, die vor etwa dritthalbtausend Jahren schon im Aussterben war, [und dadurch einen Einblick in Zeiten- und Lebensformen zu gewinnen, von denen niemand und nichts ihm Kunde brachte, Gedanken und Kulturen von Völkern zu verstehen, die unter dem Schutt von dreissig Jahrhunderten schlummerten. Die grössten technischen Errungenschaften des Jahrhunderts schrumpfen zusammen im Vergleiche mit dem Wunder, welches hier die Vernunft vollbracht hat. Und von welch ungeheurer Tragweite waren die durch diese Arbeit gewonnenen Resultate für die historische Erkenntnis! „Durch die Erschliessung der altorientalischen Urkunden ist der Standpunkt, den wir hierzu — in bezug auf den Begriff der Weltgeschichte nämlich — einnehmen, nicht nur wesentlich beeinflusst, sondern von Grund aus verändert." Neue, ungeahnte Horizonte taten sich vor dem Forscher auf. Die Wurzeln unserer geistigen und materiellen Kultur wurden blossgelegt. Unsere Astronomie und Kalenderkunde, unsere Mathematik und Geometrie reichen nämlich mit ihren Anfängen bis nach Babylonien zurück. Dort ruhen auch die Ursprünge vieler unserer, noch heute über verschiedene Gegenden des Erdballs verstreuten Sitten und Bräuche, unserer Staatskunst, unseres Festungs- und Städtebaues, unserer rechtlichen Anschauungen und gesetzlichen Praxis. Sogar in der philosophischen Spekulation über das Wesen und den Zusammenhang der Dinge hatte