Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Greis und Kind
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 419 - 420 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583938-2592337--05305-2592422- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
419 Michael Wurmbrand: Greis und Kind. 420 er ganz erregt und wendete den Kopf nach allen Richtungen hin, als ob er die vier "Wände und die alten Folianten zu Zeugen für die horrende Ungerechtigkeit aufriefe. „Eine volle Woche Gott und der Tora weggestohlen, und man fühlt sich noch im Rechte! — Das ist die Klippe1) — ja die Klippe ist's, die ihn ganz in seiner Macht hat — die in ihm nistet, in ihm wirkt, die — die — die---w Die „Klippe", die war das Steckenpferd Reb Joines. Stets führte er sie im Munde. Wenn er in seinem Stamm-Beth-Hamidrasch vor seinen Gesinnungsgenossen eine seiner grossen Reden über die Verderbnis der Zeit vom Stapel liess, so spielte da die „Klippe" eine gar wichtige Rolle. Sie war es, welche in den jungen jüdischen Frauen den Wunsch aufstachelte, ihr eigenes Haar schamlos zur Schau zu tragen, sie war auch mit im Spiele, wenn die Bachurim im Beth-Hamidrasch, statt die heilige Tora zu pflegen, allerlei anrüchige Bücher lasen. Und die „Klippe" war es auch, welche in den Kopf des jungen Friedel allerlei unreine Phantastereien einblies, um ihn noch beizeiten vom rechten "Wege abzulenken. Aber Reb Joine Halitscher war entschlossen, es nicht weiter so gehen zu lassen. Schon einige Male hatte Friedel den Gemaraabschnitt hergesagt und er musste doch immer wieder von neuem anfangen. Nachjeder "Wiederholung warf er einen scheuen W^J^ZlTlll SALOMON ROÜCHOMOVSKI. hinaus; jedesmal war die Sonne ein Stück Der Dichter tiefer am westlichen Horizontzu sehen, und jedesmal war esFriedel zuMute,als wenn ihm Jahre seines Lebens geraubt würden. Tränen traten ihm in die Augen; ein mächtiges, inneres Flehen erfüllte ihn ganz: Wenn er jetzt noch befreit würde, jetzt, solange noch die Sonne ihr letztes Stückchen am Horizont nicht zurückgelegt hat. . . . Da plötzlich ertönten draussen wilde Kampischreie und Füssegelrappel liess sich vernehmen, und an dem Fenster, wo Friedel sass, eilten seine Gefährten in vollem Galopp vorbei. Alle waren da, die „Halitscher", die „Kriwtscher" samt Anhang, auch die Gassenjungen fehlten nicht. Aller Gesichter waren gerötet vor Eifer. Kommandorufe des „Pufflak" ertönten. Augenscheinlich war eine grosse Schlacht im Gange. *) Kelipha — Schale; das Unreine. Profane; bei den orthodoxen Juden: Inbegriff des lockenden Bösen. Und das alles war ohne ihn. Friedel, zustande gekommen. Ein nervöses Zittern ergriff ihn, er biss krampfhaft an der Unterlippe, um nicht Schreie hervorzustossen. Da bekam er einen Rippenstoss vom Rebbe und er musste weiter lernen. Das war alles offenbar umsonst. Friedel hätte jetzt tausendmal dasselbe hersagen können, und nichts wäre ihm im Kopfe geblieben, aber Reb Joine, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, liess dann nicht leicht locker. Es war bereits vollständig dunkel und noch immer sass Friedel da, den Kopf tief auf das Gemarablatt gesenkt, und mit grosser Mühe die Worte entziffernd. Da befahl der Rebbe die Lampe anzuzünden. Das deuchte Friedel denn doch zuviel, und er beschloss, kein Wort mehr über die Lippen zu bringen, und wenn der Ahe ihn auch töten sollte. Einige Minuten hielt er auch den Drohungen des Rebbe beharrlich stand. Ganz unerwartet jedoch schlug Reb Joine eine mildere Tonart an, was bei ihm äusserst selten vorkam. Er bat Friedel nur ein einziges Mal noch den Abschnitt mit etwas gutem Willen und etwas Verständnis herzusagen, dann könne er gehen. Und Friedel beschloss diesmal, den Abschnitt mit gutem Willen und Verständnis herzusagen. Aber wie er nun angefangen hatte, kam ihm plötzlich in den Sinn, welch bitteres Unrecht ihm geschah und wieviel für ihn heute verloren gegangen war. Und die in ihm die ganze Zeit hindurch angesammelte Erbitterung brach urplötzlich elementar aus ihm hervor. Ein wilder Hass zuckte in seinem verzerrten Antlitz, gebrochene Knurrlaute rangen sich aus seiner Kehle hervor und seine kleinen Hände ballten krampfhaft sich zu Fäusten. Dann ging eine Erschütterung durch den ganzen kleinen Körper und die Spannung in ihm löste sich in lautes, krampfhaftes, durch lose Schreie unterbrochenes Schluchzen aus. Reb Joine erschrak. Die „Klippe" — das war sie! — das, was ihm da empörungswild aus dem verzerrten Kinderantlitz entgegengestarrt hatte, es war die „Klippe". Aber die?e erschien ihm jetzt in einer ganz anderen Gestalt als bisher. Sie erschien ihm nicht mehr als der unzüchtige Wille zum Bösen, nicht mehr als der unreine Spuk, der im Verborgenen sein unsauberes, lichtscheues Wesen treibt und immer an das Heilige feige heranzukriechen sucht, um es zu besudeln. Jetzt und das Leben.