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Ost und West · 1905-06-01 · Heft 6 (Juni 1905) · p. Seite 417 - 418

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 6 (Juni 1905)
Article
Greis und Kind
Date
1905-06-01
Page
Seite 417 - 418 (sequence 5)
Language
German
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417 Michael Wurmbrand: Greis und Kind. 418 Gesellschaft. Und dann: „Geh' aus meinen Augen — aus meinem Hause! — Du bist nicht mehr mein Kind, ich will Dir nicht mehr zu essen geben — geh', und wenn Du stirbst — Du verdienst es nicht, zu leben!" — Und Friedel? — Friedet lässt sich das nicht zweimal sagen; Friedel geht, geht augenblicklich — und weit, weit fort über Städte und Dörfer. Er bittet mildtätige Menschen um einen Bissen Brot, man reicht ihm trockene Krumen, und er isst sie mit Tränen in den Augen. Und viele stehen um ihn und bedauern ihn ... . Und plötzlich ein anderes Bild. Eine grosse Menschenansammlung vor seinem Elternhause. Alle Kameraden sind da: die „Haiitseher", die „Kriwtscher", die „Kaluscher". Vor dem Hauseingang steht ein Sarg von der Grösse Friedeis. Eine kleine Leiche wird herausgetragen. Allgemeines Wehgewimmer erhebt sich. Sein Vater tritt heraus in Tränen zerfliessend; laut und bitterlich weinend wirft er sich über den Sarg und klagt sich selber an ... . Alle Umstehenden sprechen laut das Lob des Toten. Ein Weib sagt zum andern: rWenn er am Leben geblieben wäre, wäre ihm gewiss beschieden gewesen, ein grosser Gaon, eine Leuchte des Golus zu werden." — — Wiederschrak er aus seinen Träumen auf. Wieder glaubte ersieh ertappt. Flugs beugte er sich über die Gern ara und begann in leisem Singsang zu murmeln, ein SALOMON ROUCHOMOVSKl. Ueben markierend. Aber diesmal war es nicht das; der Rebbe prügelte da den „roten Pufflak", weil dieser mutwillig seinen Tischnachbar gestossen halte. Friede] schaute zum Fenster hinaus. Es war schon spät am Nachmittag; die Sonne stand tief am westlichen Himmel. In kaum einer Stunde sollten die Schüler entlassen werden. Und Friedel wunderte sich, dass der Rebbe noch nicht daran ging, den Schiur mit ihm einzuüben. Die Zeit war so kurz und morgen, Freitag, wird Gemara nicht mehr vorgenommen Und ein vages Angstempfinden, etwas wie Unglücksahnen, beinächtigte sich seiner. Vielleicht führte da der Rebbe etwas im Schilde. Nach Friedels Erfahrung war ihm so manches , zuzumuten .... Und mit jeder Viertelstunde wuchs seine Unruhe. Flehend suchten seine Micke die des Rebbe. doch dieser kehTte sich nicht na ihn; er schien an Friedeis Existenz überhaupt vergessen zu haben. Und so verging die übrige Zeit. Die Schüler sagten noch gemeinsam den letzten Passus des dieswöchentlichen Talmudabschnitts her. Ihre Stimmen klangen hell und übermütig in Erwartung baldiger Befreiung. Mit einem schrillen Austönen endigte es. Der Rebbe gab ein Zeichen und flugs wurden die Folianten zugeschlagen und die Kinder strömten der Türe zu. Heftig pochenden Herzens stand auch Friedel auf, mit der Absicht, sich unter die anderen zu mengen. Seine Bewegungen hatten etwas Demütiges, Schuldbewusstes; ähnlich den Bewegungen eines prügelscheuen Hundes, der mit eingezogenem Schweife, den Kopf nach rückwärts gewendet, binauszuschlüpfen sucht. Aber wie er schon nahe der Tür war, wandte sich ihm der Rebbe zu und sagte ruhig und kalt: „Friedele, Du bleibst!" — Friedel ward es finster vor. den Augen. Also das, was er früher geahnt, aber nicht auszudenken gewagt, war wirklich eingetroffen. Er war für heute seiner Freiheit beraubt; und heute vollends! .... Jeder seiner Mitschüler warf ihm beim Verlassen ..^ des Cheder einenBlickdes Bedauerns zu; augenscheinlich bedeutete diese Wendung auch für sieeinenStrich durch die Rechnung. Heute war ja Krieg, und sie konnten sich einen solchen ohne das Mittun Fried eis kaum denken. Gesenkten Hauptes wankte Friedel seinem früheren Sitze zu. Ihm war's, als stürze dieWelt über ihn zu- PARIS. sammen. Wie- Bar-Kochba. viel Pläne sind ihm da nicht vernichtet, wieviel Hoffnungen nicht zerstört worden. .. . Aber wie er nur das Gemarablatt wieder aufschlug, kehrte sein alter Optimismus wieder und ein leiser Hoffnungsstrahl stahl sich tröstend in sein Herz. Lange wird's wohl nicht dauern, dachte er, im Bedürfnis sich zu trösten; einige Male vor dem Rebbe wiederholt und er kann's. Dann kommt die Befreiung. Er wird trachten, unverzüglich zu den „Halitschern" zu stossen, ohne sich die Zeit zu nehmen, vorher einen Abstecher zu Hause zu machen. Und wenn er diesmal sein Butterbrot nicht essen werde. . . . Aber schon bei den ersten Zeilen kam es zwischen ihm und dem Rebbe zu nervösen Reibungen, indem letzterer ihn zu Wiederholungen zwang, die nach Friedeis Meinung unnötig waren. Friedel gab seiner gereizten Stimmung merklichen Ausdruck, was den Rebbe, bei dem er ohnedies tief auf dem Kerbholze stand, noch mehr gegen ihn aufbrachte. „Seht diese Chuzpe1) — diesen Asuss",2) schrie l) Frechheit. 2) Starrsinn.

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