Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Greis und Kind
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 421 - 422 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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421 Michael Wurmbrand: Greis und Kind. 422 fühlte er dunkel in seinem Innern, was ihr wahres Wesen sei: das, was er „Klippe" nannte, das war das Glücksverlangen im Menschen, seine Summe an Lebenskraft, die, wenn man ihren natürlichen Fluss hemmt, sich auf Umwegen Bahn zu brechen sucht; auf Wegen, wo nach Ansicht Reb Joines und seiDer Gleichgesinnten die Sünde lauert. Und weiter fühlte Reb Joine dunkel in seinem Innern, dass diese Macht stärker sei als er, dass sie, sollte sie einmal ausbrechen, ihn wegzublasen vermöchte wie Spreu — ihn, seine Gesinnungsgenossen, sein Beth-Hamidrasch — seine ganze enge, dunkle Welt. Als Friedel sich beruhigt hatte, überdachte er seine Situation und er fühlte liefe Scham ob seines unwürdigen Benehmens. Was hätte er darum gegeben, wenn er das alles ungeschehen machen könnte. Jetzt würde er mit Freuden alles tun, was ihm der Rebbe heissen möchte; er würde bis Mitternacht sogar im Cheder sitzen und üben. Um seine arge Verlegenheit zu maskieren, versenkte er sein Antlitz fast ganz in die Gemara und begann, von trockenen Schluchzern — ein Nachhall der früheren Erschütterung — unterbrochen, in leisem Singsang den Schiur von Anfang an herzusagen. Der Rebbe aber sagte kurz: „Geh!" Mit abgewendetem Gesicht huschte er hinaus. Draussen lächelte ihn die wohltuend kühlende Luft eines schönen Juniabends an, und unwillkürlich entrang sich ein langgezogener Seufzer seiner Brust. Dann setzte er gemessenen, ruhigen Schrittes, wie ein „Grosser," seinen Weg nach Hause fort. Alle die heissen Wünsche, die sich früher mächtig in ihm regten, und nach deren Erfüllung seine junge Seele so glühend lechzte, waren jetzt tot in ihm, sein früheres Verlangen erschien ihm jetzt so blöde, so „kindisch". In den schmalen Gässchen des kleinen Städtchens tummelten sich seine Kameraden wild herum, sie huschten von einem Versteck ins andere. Das Spiel war noch in vollem Gange. Aber Friedel spürte jetzt nicht das geringste Verlangen, sich ihnen zuzugesellen. Das alles erschien ihm jetzt so dumm und nichtig; er hegte einen fast greisenhaften Abscheu davor. Er schritt gemessen weiter. Den Kopf hatte er stolz in den Nacken geworfen, sein feines, durchgeistigtes Gesichtchen starrte zum Firmament, zu den Sternen empor. Und gar absonderliche Gedanken gebar sein junges Hirn:...... Was ist Gott .... was ist das Leben .... was 'war vor dem Anfang der Dinge .... und was wird später sein .... später .... später . . .? JACOB ROUCIIOMOVSKX PARIS. Judith. Die letzte Erschütterung hatte ihn fürs, Leben ger zeichnet. Obwohl Friedel noch sehr oft zu l&tV und Spiel in den Kreis seiner Kameraden zurückkehrte, so hatte er doch nie mehr jenes unmittelbare Lust-" empfinden, jene suggestive Hingabe an das^ Spiel, die. ihm früher eigen war. Dieser Abend hatte ihm den Leidensstempel seines Stammes aufgedrückt. An diesem Abend ward in, ihm der jüdische Denker geboren, der jüdische Asket. PRAKTISCHE LEBENSWEISHEIT IM JUDISCHEN SPRICHWORTE. Von B. Hirsch. I. Reden und Schweigen, Hören und Sehen. Worte soll man wiegen, nicht zählen. Leicht zu sagen, schwer zu tragen. * * * * * * Die ganze Welt steht auf der Spitze der Zunge. Was beim Nüchternen auf der Lunge, ist beim £ * Besoffenen auf der Zunge. * # *. Schlimmer ist eine böse Zunge, als eine böse Hand. * * * Was ich im Sinne habe, nascht mir die Katze*. * nicht weg.