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Ost und West · 1905-06-01 · Heft 6 (Juni 1905) · p. Seite 415 - 416

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 6 (Juni 1905)
Article
Greis und Kind
Date
1905-06-01
Page
Seite 415 - 416 (sequence 4)
Language
German
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415 Michael Wurmbrand: Greis und Kind. 416 „Halitscher" nicht mehr die „Halitscher", und die „Kriwtscher" nicht mehr die „Kriwtscher", sondern Friedel war Moses und die „Halitscher" waren die Juden, die er über das ausgetrocknete Meer führte, während hinter ihnen die „Kriwtscher" — Egypter in den brausenden Fluten versanken. Und als seine hungrige Phantasie sich an diesem Bilde gesättigt hatte, wanderte sie an den Ufern der biblischen Historie weiter. Und Friedel ward Josua. Er schlug Amalek, überschritt den Jordan, belagerte Jericho und Hess Sonne und Mond stille stehen auf ihrer Bahn. Bald war er Simson, der mit der Kinnlade eines Maultiers tausend Philister schlug. Plötzlich sah er sich als David dem Riesen Goliath gegenüber, und Goliath hatte die Züge des „roten Pufflak", mit welchem Friedel öfters Einzelkämpfe auszufechten hatte. Und so raste seine zügellose Phantasie fort, bis sie an einem sonnigen Bilde länger verweilte. Er war König Salomo, In Gold und Purpur angetan sass er aut seinem prächtigen Throne; ewig jung, ewig schön aus allen Enden der Welt strömte man zu ihm, um die süsse "Weisheit zu vernehmen, die aus seinem Munde wie Honig troff. Und unvermutet war er wieder— Friedel. Eine plötzlich eingetretene Stille machte es, dass er aus seinen Träumen »hj^V vt •■ - :i_ . . x * .'.v* V -lv^. ■'c,\,\n^: SALOMON ROUCHOMOVSKI. Portrait des Herrn Legrand. jäh aufschreckte. Er sah sich um: Alle seine Mitschüler grinsten ihn schadenfroh an, ihre Gesichter waren verzerrt vor gewaltsam verhaltenem Lachen. Und die grossen, fanatischen Augen des Rebbe sahen ihn drohend an. rSo stiehlt man Gott die Stunden weg," sprach der Rebbe verbissenen Tones. Als wenn man ihn bei einem wirklichen Diebsiahl ertappt hätte, senkte Friedel verschämt die Blicke, doch nahm er sich gleich wieder zusammen und wendete sich, anscheinend voll Lerneifer, der Gemara zu. Jetzt war er entschlossen, alle die lockenden Phantastereien von sich abzuschütteln und zu lernen .... Wirklich, der Rebbe halte Recht; wie, wenn er sich beim Prüfen blamieren würde — welche Schmach! Aber es dauerte nicht lange, und sein Eifer war merklich abgekühlt. Er kalkulierte ungefähr folgendermassen: den Schiur müsse er bis Sabbat können — das steht fest; und da er ihn doch können müsse, so werde er ihn gewiss auch können! Soweit könne er schon ruhig sein. Die aufsteigenden Bedenken, dass, wenn man können wolle, man auch lernen müsse, beschwichtigte er etwa so: Einigemal vor dem Rebbe wiederholt und fertig ist's. Nicht umsonst rühmt jeder seinen guten Kopl. Und Friedel hing weiter seinen Traumbildern nach. Doch ein trüber Gedanke stieg allemal in ihm auf und marterte ihn .... Wie, wenn er am Sabbat wirklich nicht können würde .... Und vor seinem geistigen Auge stieg folgendes Bild auf: Es ist Sabbat nach dem Mittagsschlaf: In seinem väterlichen Hause sind mehrere Verwandte zu Gaste. Onkel Schulim ist da und Tante Zipora, ebenso Onkel Chaim, Tante Riwke, Tante Feige. Auch die Cousinen und Vettern fehlen nicht. Es werden Konfitüren mit Wasser herumgereicht. Die Unterhaltung ist in vollem Gange. Er, Friedel, wird von den Tanten mit Lob überschüttet wegen seines Könnens und seines guten Kopfes. Es wird ihm ganz warm dabei, und obwohl er PARIS, verschämt tut, fühlt er doch seinen Stolz schwellen. Da ruft der Vater plötzlich: „Friedel, bring' die Gemara her; Du wirst geprüft!" — Eine erwartungsvolle Stille tritt ein und Spannung malt sich auf den Gesichtern aller. Friedel schreitet ernst und feierlich, die Gemara unterm Arm, zum Tische hin und schlägt sie inmitten der allgemeinen Stille auf. Aber wie er nur beginnen will, überkommt ihn eine Angst; eine Angst davor, dass er vielleicht nicht können würde. Er beginnt leise und mit belegter Stimme die ersten Zeilen, kann aber absolut nicht weiter. Seine Bestürzung nimmt zu, ein Weinen würgt ihn in der Kehle und droht jeden Augenblick hervorzubrechen. Pfui! — wenn er wirklich in Weinen ausbräche .... Wenn sich ein Abgrund vor ihm auftäte, er möchte hineinspringen. Allgemeine Bestürzung im Gemache. Da erhebt der Vater die Rechte und verabreicht ihm zwei schallende Ohrfeigen angesichts der ganzen -'- ^"^^4x ,i ,V;^ . r^-J^.>>? > -y^fm;— .....*r * V " \ ~r:v;"\ :vs.\^ ' "'x . '• : : '' » I! " ..V/ \ -v-^: m& ) ' Tvi'vi" ' ■ Iva | i!-;. - t ■ r > ' y.-> : •- :\: r:;; N**;;; .|:,v;;:::-: v ■;■ Haus Legrand in Paris.

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