Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Greis und Kind
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 413 - 414 (sequence 3)
- Language
- German
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413 Michael Wurmbrand: Greis und Kind. 414 Eines aber verursachte dem kleinen Friedel Unruhe. Um seine Führerschaft war es denn doch nicht so sicher bestellt. Wieder könnte es dem roten „PufTlak" gelingen, dieselbe an sich zu reissen. Dieser — der ewige Rivale Friedeis — war ein roter, dicker Bengel und nach Friedels massgeblicher Meinung ganz ohne Tatkraft und Initiative. Seine persönlichen Erfolge verdankte er einer ganz eigenen Taktik. Sobald etwas los war, stellte er sich unaufgefordert, gleichsam aus eigener Machtvollkommenheit an die Spitze seiner Kameraden und wollte absolut von dort nicht weichen. Manch zagen Protest, der etwa laut wurde, wusste er mit der Gewalt seiner Fäuste zu unterdrücken. Aber trotz seiner oft bewiesenen Unfähigkeit und trotz auch seiner offenbaren Feigheit—dieser dicke Kerl wusste immer Reissaus zu nehmen, sobald es ihm wirklich an den Kragen ging—gelang es ihm doch immer wieder an die Spitze zu kommen, dank der Dummheit und Urteilslosigkeit der „Halitscher". Bei diesem Gedanken malte sich ein Ausdruck von Unmut und Abscheu auf dem Gesichte Friedels. Doch bald hellten sich seine Züge auf . . . Gesetzt den Fall: „Pufflak" werde zu Beginn dasKommando übernehmen;lange jedoch wird Denn, wie e raden müde, wird dann stehen bleiben, die Rechte erheben und sagen: „'seh—sch—sch!" Und nachdem sich alle um ihn werden gesammelt haben, wird er eine edle, würdevolle Haltung einnehmen und seine Befehle erteilen — ernst, vornehm, aber auch nachsichtsvoll gegen die minder Tauglichen. Und dann, nachdem alle Massnahmen werden getroffen sein — hurrah, los auf den Feind! Und dann — — — Hier nahm sein Gesicht einen pfiffigen, schaden- SALOMON ROÜCHOMOVSKI. Verfolgung. Herrlichkeit nicht währen, geschah, werden die Kameauch diesmal, der Tyrannei des „Pufflak" sich bald um ihn, Friedel, scharen. Und er seine öfters frohen Ausdruck an. Sein Feldherrngenie hatte da eine ganz wunderbare List ersonnen: Gleich nach dem ersten Anprall wollte er „Zurück!" kommandieren. Die Seinigen werden gegen den nahen Fluss hin eine Flucht fingieren und dadurch den Feind in einen Hinterhalt zu locken trachten. Friedel kannte eine Stelle, wo der Bach einen Engpass bildete, der von dem an beiden Ufern wachsenden hohen Gesträuch überdacht war. Einige dort aus dem Wasser herausragende grosse Steine verschafften einen bequemen Uebergang. Er und ein Teil seiner Truppe werden trockenen Fusses den Bach überschreiten, der übrige Teil werde sich am diesseitigen Ufer im Gebüsch versteckt halten. Der Feind würde beim Heranstürmen den Uebergang gewi<s nicht bemerken und so mitaufgestülpten Beinkleidern den Bach zu überschreiten trachten. Während also die „Kriwtscher" bis über die Knie im Wasser waten werden, werde Friedel einen Pfiff ertönen lassenundhui! — werden die „Halitscher" von beiden Ufern heranftürmen, den Feind umzingeln, ihn nach allen Richtungen zerstreuen und — welche Lust! — auch Gefangene machen. Friedels Kriegsplan war also fix. Zum vollen Gelingen desselben fehlte nur eins: nämlich das, dass die„Kriwtscher"alles tun würden, was ihnen Friedel in seinem so sinnreichen Plane zugedacht hatte. Die andere Möglichkeit aber zog Friedel nicht in Betracht. Er kostete die Siegesfreuden in intensivster Weise schon jetzt aus. Er vermochte nicht ruhig zu sitzen, sondern rückte auf seinem Sitze hin und her und kicherte in sich hinein. Sein schmales, feines, doch aufgewecktes Gesichtchen drückte höchste Extase aus. Nach einer Weile aber sass er schon ruhig und in zusammengesunkener Haltung da, das Haupt auf die Brust gesenkt. Doch auf seinem Gesichte konnte man eine eigenartige Spannung lesen; es zuckte, und seine Augen hatten einen unbestimmten irren Glanz. Und Friedel war nicht mehr. Friedel, und die PARIS.