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Ost und West · 1905-06-01 · Heft 6 (Juni 1905) · p. Seite 411 - 412

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 6 (Juni 1905)
Article
Greis und Kind
Date
1905-06-01
Page
Seite 411 - 412 (sequence 2)
Language
German
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411 Michael Wurmbrand: Greis und Kind. 412 Das schmale und feine Gesichtchen des kleinen Friedel machte den Eindruck, als ob dieser etwas zu sagen hätte, was ihm aber schwer falle. Dem Rebbe entging das nicht, und er blickte den Jungen erwartungsvoll an. „Vater will mich am Sabbat prüfen," platzte der Junge hervor. Der Rebbe faltete die Stirn gedankenvoll. „Prüfen .... gut .... schön .... nun sehen wir, Jüngele, ob Du auch was kannst." Friedel sollte den Schiur hersagen. Ein heftiges Zagen beschlich ihn, während er im stark abgenützten Gemarafolianten blätterte, die nötige Stelle suchend. Er hatte diese Woche gar arg gemogelt. Er war sehr unaufmerksam gewesen während der Erläuterungen des Rebbe. und er hatie den anderen Kindern gedankenlos nachgebrummt. Bald aber nahm sein Kinderoptimismus überhand. „Es wird schon gehen," tröstete er sich in Gedanken. Er nahm einen munteren Anlauf, und es ging auch anfangs ganz glimpflich. Gleich aber begann der Weg holprig zu werden, und Friedel bewegte sich nur mühsam vorwärts. Gar bald geriet er in eine Wirrnis, wo er nicht ein noch aus wusste. Er machte kleine, bange Pausen, um gleich wieder fortzufahren. Endlich entschloss er sich, um aus der Verlegenheit zu kommen, zu einem neuen Anlauf, was aber diesmal ganz erfolglos war. Er geriet gleich völlig ins Stocken, ward womöglich noch röter und senkte die Blicke. Seine Mitschüler kicherten höhnisch, und er fühlte die Blicke des Rebbe böse auf sich haften. Er erwartete, wie üblich, Scheltworte und Schläge, dann Wiederholungen und nochmals Wiederholungen, bis zum von alldem traf wirklich ein. Er ward lediglich angewiesen, sich an den zweiten, kleineren Tisch zu setzen und zu üben, er würde dann später an die Reihe kommen. Friedel nahm seinen neuen Platz ein, mit der besten Absicht zu lernen. Er sah aber gleich zu Anfang ein, dass er von der Sache wirklich sehr wenig verstehe. Er sah sich genötigt, gar oft den Rebbe zu interpellieren, und darauf verzichtete er lieber. Er liess tändelnd seine Blicke zum Fenster hinaus schweifen. Er sah auf einen grossen, schmutzigen SALOMON ROTJCHOMOVSKI. Der erste Unterricht. Ueberdrusse; aber nichts Platz, wo der Mist fast des ganzen Städtchens abgelagert wurde. Schweine und magere Hundeköter wühlten da und dort herum. Am andern Ende des Platzes waren einige verkrüppelte Bäume und einige halb zerfallene Lehmhütten zu sehen. Und dieses trostlose Bild vermochte die sehnenden Blicke des Knaben an sich zu bannen. Denn das alles war von Sonnenlicht durchflutet und schien gleichsam von innerem Leben beseelt zu sein, während der Schmutz und die Dürftigkeit im Cheder, wo es dunkel und modrig war, einen um so trostloseren Eindruck machten. Die alte Rebbezin, welche jetzt an ihren Krämpfen litt, ging gebeugt und schleppenden Schrittes herum, und ihr leises, doch eindringliches, quiekendes Aechzen, welches sie stossweise ertönen liess, mischte sich in das betäubende, nuancenreiche Geschrei der Chederjungen, welche an Eifer einander zu überbieten trachteten. „Heut' ist ein schöner Tag — heut' wird's losgehen," dachte der kleine Friedel, und sein Herz hüpfte in ihm, von Tatkraft beseelt. Es war nämlich folgendes vorgefallen. Das „Kriwtscher" . Cheder, dem noch zwei andere Chedarim zur Seite standen, hatte dem „Halitscher" Cheder, hinter welchem bloss ein Teil des „Kaluscber" Chedersstand, den Krieg erklärt, und heute Vorabends sollte dieser ausgefochten werden. Soeben hatten die „Halitscher" draussen vor dem Cheder Kriegsrat abgehalten. Der letzte Punkt der Tagesordnung, die Frage nach der Führerschaft war noch nicht erledigt gewesen, als sie vom Rebbe unterbrochen wurden. Doch bis jetzt hatte Friedel die meisten Chancen auf die Führerschaft. Vorläufig war die Lage der „Halitscher" kritisch genug; denn der Feind verfügte über eine starkeUeber- Feldherrngenie hatte bereits Er hatte stets gute PARIS. macht. Aber Friedeis den rettenden Ausweg gefunden. Beziehungen zu den Gassenjungen unterhalten, welche kein Cheder besuchten und eine eigene organisierte Truppe bildeten, die sehr gefürchtet war. Diese hoffte er für die „Halitscher" zu gewinnen. Seine Taschen waren mit allerlei Sächelchen .vollgespickt, welche zur Besoldung dienen sollten. Für die Einflussreichern, die „Offiziere" unter den Gassenjungen, war sogar eine Handvoll Pfennige zusammengeworfen worden. Wie man also sieht, waren die Siegeschancen der „Halitscher" keine schlechten.

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