Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Bartholdy
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 403 - 404 (sequence 6)
- Language
- German
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403 Eduard Levy: Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Bartholdy. 404 als „Leidenschaft" zu empfinden, weil sie eben auch aus einem steten Gegensatz zu der sie umgebenden realen Welt heraus als ihrem Eigentümer „Leiden schaffend", wenn auch mit geringerer dramatischer Kraft, so doch mit nicht weniger intensivem Gefühl, sich nach aussen hin dokumentiert? Dem Satze „Musik ist die Sprache der Leidenschaft" ist also nur dann die Berechtigung einer vollgültigen Wahrheit zuzugestehen, wenn unter „Leidenschaft" jede höhere, mit Intensität und Echtheit ausgesprochene Gefühlstätigkeit, nach welcher Richtung hin sie sich auch wenden, in welchem äusseren Gewände sie auch erscheinen mag, verstanden wird. Und in solchem Sinne besass Mendelssohn die kennzeichnendste Eigenschaft des Genies, eben „Leidenschaft", wie sie vor ihm die Meister, denen er am meisten seiner ganzen Art nach ähnelt, Mozart und Schubert, in edelster Weise besessen, wenn diese beiden ihm auch gewiss an Reichtum und Grösse des Ausdrucks häufig überlegen waren. Ist nicht die tiefe Inbrunst, die aus den edlen Melodien, der gesättigten und gerade dem einfach religiösem Inhalt entsprechenden, nicht chromatisch überladenen Harmonisierung, der stets charakteristischen Rhythmisierung seiner Psalmenkompositionen für jeden noch sittlich reinen und klaren Empfindungen zugänglichen Hörer tönt, gerade der Ausdruck einer höheren, nicht von wildem, stürmischem Drängen getrübten Leidenschaft, die sich eben im Gegensatz zu den Irrungen und Wirrungen dieser Welt als sehnsüchtiges Sichhinaufschwingen in die verklärteren Sphären eines göttlichen Haltes ausspricht? Klingt nicht aus jedem Ton seiner grossen, erhebenden Oratorien Elias und Paulus das reine Verlangen nach jener von allen gefährlichen Instinkten der menschlichen Seele befreiten Sittlichkeit, die in der Anerkennung einer höheren leitenden Macht das irdische Dasein zu klären und zu veredeln sich bemüht? Und wer selbst auf einem anderen religiösen Boden steht, ja wer selbst den Stütz- und Mittelpunkt seines Daseins, fern von jedem religiösen Gefühl, nur in seinen irdischen Trieben erblickt, muss der nicht zum mindesten, sofern er überhaupt noch rein musikalisch tonalen Gefühlen zugängig ist, der zweifellosen Originalität, Wärme und Innigkeit Mendelssohnscher Melodik, als dem Ausdruck einer feinest empfindenden, nur dem Edlen zugewandten Natur, eine ehrliche Anerkennung, wennschon nicht Bewunderungzollen? Mögen diesen letzteren auch der Inhalt seiner kirchlichen Kompositionen, als ihrem eigenen Inneren fremd geworden, nicht als das Ingrediens jener Leidenschaft erscheinen, die unser irdisches Dasein über seine Realität erhebt, bieten ihnen nicht die zahllosen Werke Mendelssohns, in denen er an die Natur und Menschenwerk gebundene Empfindungen mit verklärendem Ausdruck durchdringt, jenes Gefühl der von der Welt erlösenden Leidenschaft, das Merkmal der Schöpferkraft eines Genies? De gustibus non est disputandum' Ueber Geschmack und Empfindungen ist ein Streit unnötig, weil eine Uebereinstimmung unmöglich, wenn sie nach ernsthafter Prüfung des eigenen Inneren sich nicht von selbst ergibt. Aber möchten sich doch die vielen, die heute über Mendelssohns Kunst, als den Ausdruck einer kleinen, unbedeutenden Zeit, mit überlegenem Achselzucken sich zu erheben, sich berechtigt glauben, auf ihre künstlerische Ehrlichkeit prüfen, ob in ihrem Inneren nicht die Stimme reinerer, schönerer Empfindungen ertönt, wenn sie, einen deutschen Wald durchwandernd, in sich die Klänge der vielen herrlichen Chorgesänge vernehmen, in denen dieser Meister den wonnigen Zauber einer bald frischen, bald von Wehmut durchtränkten, bald einfach schlichten Natur mit unnachahmlicher Innigkeit wiedergibt, vorausgesetzt, dass solche Naturstimmungen überhaupt noch klingende Saiten in ihnen anschlagen! Oder wer, der eine schwärmerisch selige. Stimmung ohne stürmischen Ueberschwang in sich nachzufühlen vermag, wird nicht noch von der Melodik eines Liedes, wie: „Auf Flügeln des Gesangesu, ergriffen sein, um nur eines aus der reichen Zahl seiner innigen, tief empfundenen Lieder anzuführen? Wer von denen, die eine Tiefe des Gefühls auch in der einfachen Wärme und schlichten poetischen Darstellung noch zu erkennen vermögen, wird nicht wahrhaft herzerquickt werden, selbst aus den kleinsten musikalischen Tonbildern heraus, wie sie dieser grosse Künstler in seinen „48 Liedern ohne Worte" geschaffen, die, ohne durch einen Titel eine Vorstellung in uns wachzurufen, durch die intensive Gefühlskraft ihres rein musikalischen Gehaltes fast bestimmte poetische Bilder in uns auslösen? Nicht weniger müssen seine grossen Orchesterwerke, Symphonien, Ouvertüren, seine Musik zum Sommernachtstraum der vollendetste Ausdruck einer reinen „Leidenschaft" sein für den, der eben unter diesem Begriff nicht nur die wilde Qual kämpfender Triebe, sondern ebensogut das stille, heisse Wünschen nach einer lichteren Atmosphäre versteht. Es würde den beabsichtigten Rahmen dieser Ausführungen weit überschreiten, jedes einzelne Mendelssohnsche Kunstwerk nach seinem Wert in Hinsicht seiner das reale Dasein verklärenden Ausdrucks weise zu erläutern. Dass die Kunst dieses Meisters in formaler und technischer Beziehung, im Aufbau, Durcharbeitung der Themen, Instrumentation, Chor- und Klaviersatz der der grössten Meister voraufgegangener und nachfolgender Epochen völlig ebenbürtig, in vielen Fällen sogar überlegen ist. hat schon Wagner, als sein erbittertster Gegner, und nach ihm alle seine Anhänger erkannt und zugegeben und gerade daraus, als den ihm einzig zustehenden Vorzug, die haltlosen Anklagen des ihm mangelnden echten musikalischen Genies gegen ihn erhoben. Solange jedoch noch durch die Welt jenes Sehnen nach höheren Zuständen, nach der Erhebung aus der Not des irdischen Daseins durch geklärte, verfeinerte Empfindungen, durch poesievolle Anschauung des menschlichen Herzens und der Natur zieht, wie es der