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Ost und West · 1905-06-01 · Heft 6 (Juni 1905) · p. Seite 401 - 402

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 6 (Juni 1905)
Article
Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Bartholdy
Date
1905-06-01
Page
Seite 401 - 402 (sequence 5)
Language
German
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401 Eduard Levy: Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Baiiholdy. 402 Ferner aber, da keineswegs geleugnet werden kann, dass Mendelssohn sich namentlich in seinen geistlichen "Werken einer dem Bachschen Stile nahe verwandten, doch stark mit romantischen Farben vermischten Ausdrucksweise bedient, geht aus dem aus dieser Tatsache heraus gegen ihn gerichteten Vorwurf ein äusserst geringes Erkenntnisvermögen seiner seelischen Veranlagung hervor, indem eben gerade das sittlich-religiöse Gefühl dieses Künstlers, zu des grossen Bach stiller, sanfter und sicherer Glaubenskraft in gewisser Verwandtschaft stehend, sich auch in jener festen kontrapunktischen, doch dabei lyrisch melodischen Weise auszusprechen verlangte. Eine parteilose, aus Verstand und Gemüt in gleicher Weise hervorquellende Schätzung aller der im vorhergehenden beleuchteten Momente muss demnach die ganze Beurteilung der Mendelssohnschen Kunst von Seiten Wagners und der von ihm influenzierten, fast allgemein in Künstlerkreisen und den weitesten Schichten des kunstsinnigen Publikums heute herrschenden Kunstanschauung als zwar von einer so ausgesprochen einseitig starken, selbstbewussten und deshalb zu nichts weniger als klarer Objektivität neigenden Künstlernatur — wie eben die Wagners war —, wohl zu begreifende, auch wohl zu entschuldigende, nicht aber für seine schemenhaften Nachfolger oder gar nur Nachbeter und Anhänger zu rechtfertigende und durchaus das künstlerische Genie des so jung aus dem Leben gerissenen Sprösslings einer geistig hochbedeutenden Familie, teils aus parteigehässigem Uebelwollen, teils aus schwächlicher Urteils¬ und Gefühllosigkeit heraus verdunkelnde und demnach völlig zu verwerfende erkennen lassen. Welches aber ist nun das Genie Mendelssohns, und ist es ein wahrhaftes, grosses, das neben der titanenhaften Gewalt eines Wagner die Kraft besitzt, über die engen Grenzen seiner persönlichen Wirksamkeit und der auf ihn folgenden kürzeren Kunstepoche auch über weite Strecken der menschlichen Kultur sein wärmendes und erhellendes Licht erstrahlen zu lassen? Auch zur näheren Beleuchtung dieser Frage sei ein Satz aus Wagners Schrift: „Das Judentum in der Musik", in der er vornehmlich Mendelssohn angreift, herausgenommen. „Die Musik ist die Sprache der Leidenschaft," ruft er emphatisch aus, indem er ein völliges Fehlen dieser gesteigerten Seelentätigkeit bei Mendelssohn feststellen zu können glaubt. Gewiss werden ihm alle, die in der Kunst überhaupt die tiefsten Aeusserungen des menschlichen Herzens erkennen, in dieser Anschauung Folge leisten, sofern unter „Leidenschaft" jede über eine nur materialistische Betrachtung und Gefühls weise der uns umgebenden Objekte sich aufschwingende und dem idealistischen Bestreben, das seelische Besitztum der Menschheit, in reinere, höhere Sphären zu erheben, entspringende Empfindung zu verstehen ist. Aber als „Leidenschaft" fühlte Wagner nur das aus seiner eigenartigen, ungeheueren Natur hervorbrechende, von einer dämonischen Gewalt ins phantastisch Unermessliche gepeitschte und darum selten auf der natürlichen Basis dieses Lebens begründete, auch wohl nicht immer echte, glühend heisse Verlangen, alle Verhältnisse des menschlichenDaseins in den riesenhaftesten Dimensionen meist nur in ihren krassesten, exzentrischsten Momenten zur Darstellung zu bringen, sich selbst dadurch über die Menschheit zu erheben, ihr Gott oder ihr Tyrann zu sein. Ein seltenes Geschick verlieh solcher Natur die Kraft, sich voll zu verkünden und eine unermesslich gesteigerte Empfindungsweise in Taten umzusetzen, die an gigantischer Grösse wenige ihresgleichen haben. Kein Wunder, dass solche Leidenschaft, wie ein glühender Lavastrom, alles mit sich fortriss, unter sich begrub und die ganze Welt in den Rausch seiner Flammen einhüllte. Aber wenn solches Feuer gewiss unter den am ehesten verständlichen Begriff der Leidenschaft fällt, ist darum nicht jene oben schon angedeutete, in den Seelen reiner und feiner empfindenden Menschen als Grundzug ihrer Natur existierende höhere Gefühlsaktion, mittels deren sie sich über alles rein Stoffliche erheben, in gleichberechtigter Weise ISRAEL ROUCHOMOVSKI. Miniatur-Sarkophag mit Skelett. PARIS.

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