Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Bartholdy
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 405 - 406 (sequence 7)
- Language
- German
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405 Eduard Levy: Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Bartholdy. 406 Künstler, dessen 100 jährige Todesfeier Anlass zu dieser erneuten Würdigung des grossen Mendelssohn gibt, in begeisterndsten Worten allüberall ausdrückte, solange wird wohl auch das musikalische Wirken dieses grossen Tonkünstlers, als das eines Genies, eine Erquickung, ein Segen für die in trüben Stunden der Realität nach dem Reich des Idealen verlangende Menschheit sein. Gewiss ist weder zu erwarten, noch zu wünschen, dass folgende Generationen in der Erkenntnis und im Mitempfinden der herrlichen Werke, die uns Mendelssohn geschenkt, nur in den Bahnen dieses Meisters sich bewegen sollten. Eine jede Künstlerindividualität hat das Recht und die Pflicht, sich einzig nach den ihr innewohnenden Gesetzen zu entwickeln und künstlerisch auszusprechen, und ein jeder Künstler, sofern er echt und wahr ist, hat das Anrecht darauf, gehört und nach seinem Ich gewürdigt zu werden. „Der Lebende hat Recht"; das heisst, er darf und soll sein und genommen werden, wie er sich wahrhaft gibt. Aber nicht nur der Lebende hat Recht; nicht nur der gerade Lebende ist der Verkünder der Menschheitsideale, der Menschheit ewigen Sehnsucht. Vielmehr gerade im Anschluss an seine grossen Toten, aus ihrer Erkenntnis, aus ihrer liebevollen Würdigung heraus sich selbst zur Vollkommenheit des Menschtums erziehend, hat er die Pflicht und das Recht, weiter zu bauen nach seiner geläuterten Natur am Tempel des allseitig erhofften höheren Menschentums. Fast volle vier Dezennien nach seinem im Jahre 1847 erfolgten Tode hat Mendelssohn noch die grosse und kleine musikalische Welt beherrscht; wenn eine äusserlich gewaltigere — wenn auch nicht reinere und edlere Kraft — ihn seit nunmehr 25 Jahren in ein bedauerliches Dunkel zu drängen vermochte, so wird doch die Zeit bald wieder herannahen, in der wir in völlig objektiver Würdigung einer von allen persönlichen Einflüssen freien Wirksamkeit des grossen Künstlers, der unsere heutige Zeit beherrscht, und der aus seiner ganz entgegengesetzt gearteten Natur heraus Mendelssohn zu unterdrücken gezwungen war, in beiden Meistern, in Eintracht neben allen anderen Heroen im Reiche der Tonkunst, die herrliche Sehnsucht der Menschheit nach Licht, Schönheit und Freiheit verkörpert sehen. BARON ALPHONSE DE ROTHSCHILD. Von Arsene Cahen, Paris. Am 26. Mai verstarb zu Paris im Alter von 78% Jahren das älteste Mitglied und Oberhaupt der Familie Rothschild, Baron Alphonse, wie man ihn in Paris kurzweg zu nennen pflegte. Er war nämlich eine der populärsten Persönlichkeiten unter den Parisern, in einem gewissen Sinne sogar ihr ausgesprochener Liebling. Er repräsentierte eine der grössten Mächte auf dem Geldmarkt der Welt — und insofern Geld die Welt regiert, war er wohl einer der Mitregenten dieser Welt. Aber das Geld regiert nicht nur die Welt, sondern vor allem auch den, der es besitzt. Und es gehört schon eine bedeutende persönliche Kraft dazu, um Herr und nicht Knecht seines Geldes zu sein. Diese Kraft, oder wenigstens den Teil einer solchen, besass Alphonse de Rothschild. Wenn er daher auf den Gang der Ereignisse in Frankreich, und mittelbar in der Welt, einigen Einfluss hatte, so verstand er stets, die blinde Macht seines Riesenvermögens hiervon auszuschalten und nur seine persönlichen Gaben wirken zu lassen: seine grosse Menschenkenntnis, seine reiche wirtschaftliche Erfahrung, seinen kaufmännischen Scharfblick. So war er denn seit vielen Jahren der Berater der meisten franzö- I Baron Alphonse de Rothschild. sischen Finanzminister. Mit 27 Jahren wurde er einer der Regenten der Bank von Frankreich, und seither war er Vorsitzender zahlreicher der mächtigsten Finanz- und Industrieunternehmungen Frankreichs und Europas. In einem Bureau in der Rue Lafitte konzentrierte sich die Leitung zahlreicher Betriebe, deren Fäden bis an die äussersten Enden der bewohnten Erde reichten, und deren Macht und Präzision einem Bismarck gewaltig imponiert haben. Er war ein Enkel des Begründers der „ Dynastie", Mayer Anselm, und der Sohn jenes Jakob-James vonRothschild, der sich 1812 in Paris niederliess und Chef der französischen Linie des Hauses wurde. Welchen Einfluss auf die öffentlichen Interessen man schon seinem Vater James zuschrieb, beweist die vielfach wiederholte Behauptung — in der wohl auch ein wenig Uebertreibung liegen mag —, dass, wenn er so lange am Leben geblieben wäre, der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht stattgefunden hätte. Von diesem Vater wurde Baron Alphonse frühzeitig in die Geschäfte eingeführt, und so war es ihm, bei einer glücklichen Begabung, gegönnt, sich frühzeitig eine Erfahrung und eine Sachkenntnis in ökonomischen und