Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Bartholdy
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 399 - 400 (sequence 4)
- Language
- German
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399 Eduard Levy: Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Bartholdy. 400 Mendelssohns Einfluss für spätere Kunstgenerationen ausübte, ein in den meisten Fällen geradezu unheilvoller auf die namentlich Wagners eigenem schöpferischen Felde der musikalischen Dramatik ferner liegenden Kunstzweige geworden, insofern wir noch weit ab sind von der Gesundung unserer symphonischen und lyrischen Seelenzustände, die infolge der durch Wagners Musik hervorgerufenen stets nur hochtragischen und dramatischen Ausdrucksweise an den bedenklichsten und kompliziertesten Krankheitserscheinungen leiden, und ein andermal, dass die vernichtenden Vorwürfe von völliger Inhaltlosigkeit, Mangel an jeder echten, tiefen Empfindung und innerster Herzensergriffenheit, die diese in einem steten Rausch dahinströmende Künstlernatur der ganzen Kunstrichtung seiner Zeit und Mendelssohn, als ihrem vornehmsten Repräsentanten, insbesondere entgegengeschleudert hat, in Hinsicht auf das künstlerische Schafen der Epigonen des ersten der grossen Romantiker in der Musik wohl oft ihre Berechtigung haben mögen, vor einer eingehenden Würdigung aber der eigenen Taten dieses Komponisten in dem überwiegend grössten Teile der weiten Gebiete, die er gepflegt, ihm selbst gegenüber durchaus nicht standhalten? Wie ist es möglich, dass nicht von blossen Schlag- und Parteiworten gefangen genommene, reinen künstlerischen Wirkungen in objektiver Weise noch zugängige Hörer es völlig vergessen können, dass der wunderbare Zauber, der in Wagners Musikdramen bei der Ausmalung von Naturstimmungen meist in so überreich lebendiger Fülle auf uns herabströmt, schon aus Mendelssohns Werken oft in nicht minder intensiver Art zu uns spricht? Man denke nur an den uns geradezu in eine berückende Märchenwelt hineinzwingenden Klangduft der Elfenmusik in der Ouvertüre zum Sommernachtstraum, der Meistertat eines 19jährigen Komponisten; man vergleiche das in so seltsame, dunkelviolette Farben getauchte Nocturno aus dem gleichen Werke etwa mit der nächtlichen Stimmung der Einleitung und ersten Szene des zweiten Aktes von Tristan und Isolde! Führe man sich doch einmal in gerechter Würdigung beider Kunstgrössen vor, in welch ähnlicher Weise Wagner in bezug auf die Wirkung von Natur-Erscheinungen auf sein musikalisch konzipierendes Innere veranlagt gewesen sein muss, wie sein ihm so verhasster Zeitgenosse, indem man Stellen miteinander vergleicht, wie den anwachsenden Sturm am Schluss des ersten Satzes der Mendelssohnschen A - moll - Symphonie und die Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer", das Hauptthema derHebriden- Ouverture und das die Bewegung des Schifies charakterisierende Motiv im Anfang der ersten Szene von Tristan und Isolde, das herrliche Motiv der Ouvertüre „Die schöne Melusine", der treffendste Ausdruck einer selig träumerischen Märchen-Erzählung, und das die mysteriöse Stimmung der Nornenszene in der Einleitung zur Götterdämmerung malende, fast völlig gleichlautende Thema! Wer imstande ist, ohne "Voreingenommenheit für einen der beiden Meister zu hören, mussaus solchen, wie noch vielen anderen Partien der Werke beider Künstler, eine Verwandtschaft der musikalischen Stimmungssaiten in beider Seelen entnehmen, die sich oft sogar in dem jüngeren Wagner zu einer gewiss unbewussten, aber nichtsdestoweniger deutlichen melodischen starken Anlehnung steigert, und die besser als jeder andere Beweis den eine wirkliche Bedeutung eines schaffenden Künstlers völlig paralysierenden Vorwurf der Inhaltsleere und der die tiefere Wirkung auf das Gemüt verhindernden Empfindungskälte entweder in bezug auf Mendelssohn als nichtig, oder auf Wagner als gleichberechtigt erscheinen lässt. Aber nicht nur in Hinsicht aut Stimmungsmomente, wie die angeführten, ist ein entschiedener Gleichklang in den Seelen beider Tonkünstler vorhanden, auch in rein musikalisch melodischer und harmonischer Ausdrucksweise zeigt der um wenige Jahre jüngere Meister eine nicht zu verkennende Hinneigung an das tonale Empfinden des älteren; ich erinnere hier an den zweifellosen Zusammenhang zwischen dem Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum und dem Einzugsmarsch der Gäste aus dem zweiten Akt Tannhäuser in ihrem ersten Thema, sowie an eine ganze Anzahl harmonischer Wendungen, nmentlich in Halb- und Trugschlüssen, so dass man auch nach dieser Richtung hin eine Konformität zwischen beiden Meistern zum mindesten soweit anerkennen muss, um nicht an dem einen eine absolute Originalität zu rühmen, und dem anderen das Fehlen jeglicher ausgesprochenen Individualität als schwersten Mangel vorzuwerfen. Denn gerade auch in letzterer Beziehung haben Wagner und seine Nachbeter weder Mendelssohn erkannt, noch, wo sie ihn zu erkennen glaubten, zu würdigen gewusst. Wenn Wagner die stete anscheinende Umwandlung der rein musikalischen Erfindung Mendelssohns in die Formen und den Stil, der diesem als dem Inhalt seiner Werke angemessenster dünkte, aber nur von älteren, grösseren Meistern ohne aus seinem individuellen Empfinden entspringender Notwendigkeit übernommen wäre, als Manko an jedem eigenen seelischen Inhalte und daraus zwingenderweise hervorgehender eigener Form aufzudecken meint, so sei zur Widerlegung dieses Vorwurfes hier nur kurz darauf hingewiesen, wie einmal durch die ganzen weiten Gebiete des künstlerischen Schaffens Mendelssohns ein durchaus einheitlicher lyrischer Stil sich hindurchzieht mit höchst seltenen epischen und dramatischen Anflügen, von denen namentlich letztere seiner Individualität so fern lagen, dass man sie in den wenigsten Fällen als den Vorgang seelisch voll erschöpfend bezeichnen kann; gerade dieses stete Festhalten an einer durchaus lyrischen Ausdrucksweise zeigt wohl eine ebenso berechtigte, in sich geschlossene, einige Individualität, wie der starke, hinreissende Strom der fast nur ekstatischen Empfindungsart Wagners.