Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Maimonides
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 385 - 386 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3S5 Dr. F. Perles: Maimonides. ISRAEL ROUCHOMOVSKI. Rhyton. PARIS. brannt wurden. Allmählich aber kamen auch die Gegner zur Erkenntnis von der geistigen und sittlichen Grösse, von der Gelehrsamkeit und tiefen Religiosität des von ihnen noch im Grabe Verfolgten, und der More Nebuchim wurde mit der Zeit ein klassisches Werk für alle Juden. Es gehörte einfach zur religiösen Bildung, mit diesem Werke sich vertraut gemacht zu haben, alle jüdischen Denker haben daraus denken gelernt und ihre erste Erkenntnis geschöpft, sind dadurch, selbst wo sie in ihren Ansichten abwichen, angeregt worden. So ist es auch bezeichnend, dass der More Nebuchim zu den allerersten gedruckten hebräischen Büchern gehörte und schon vor 1480 in Italien erschien. Durch ihn wurde der jüdische Geist selbs t in den Zeiten schwersten äusseren Leids vor Versumpfung und Verdumpfung bewahrt, und es ist kein blosser Zufall, dass die zwei grössten jüdischen Denker der neueren Zeit, Spinoza und Moses Mendelssohn, durch ihn nicht nur die erste philosophische Schulung erhalten haben, sondern auch in ihrer ganzen Geistesrichtung wesentlich beeinflusst worden sind. So verschieden auch die Denkresultate, wie das Leben und Wirken dieser dreiPhilosophen des Judentums sind, in einem Hauptpunkte sind sie alle drei einander gleich: sie verwerfen alle das Gaukelspiel der Phantasie uiid stellen an ihre Stelle die logische Erkenntnis, die Beobachtung dersinnlichwahrnehm- ISRAEL ROUCHOMOVSKI. baren Tatsachen; und Vorderseite des Mittelblattes. doch ist keiner von ihnen ein kalter Rationalist, ein seelenloser Vernünftler gewesen, vielmehr zeigen alle drei das gleiche reiche und tiefe Gemüt als schönstes Erbteil des jüdischen Geistes. Noch bleibt ein Wort zu sagen über die Einwirkungen desMaimonidischen Geistes auf die Mohammedaner und auf die Christen. Die Mohammedaner, denen das Werk im arabischen Original zugänglich war, studierten es eifrig, rühmten es teilweise über alle Massen, während sie namentlich seine Auffassung des Prophetentums scharf bekämpften. Ungleich tiefer sind noch die Wirkungen, die das Buch bei den Scholastikern, den christlichen Denkern des Mittelalters, zurückgelassen hat. Bald nach dem Tode des Maimonides Hess vermutlich kein geringerer als Kaiser Friedrich II. das Buch aus dem Hebräischen mit Hilfe eines jüdischen Gelehrten ins Lateinische übersetzen, und aus dieser Uebersetzung haben die grössten christlichen Philosophen des Mittelalters, Albertus Magnus und Thomas von Aquino, teilweise mit und noch häufiger ohne Nennung der Quelle geschöpft. Denn die im More Nebuchim behandelten Fragen, der Ausgleich der Bibel mit der Philosophie, waren im Christentum ebenso brennend wie im Judentum, und die von Maimonides gebotene Lösung konnte dort teilweise unverändert, teilweise in entsprechender Modifizierung gebraucht werden. Diese auch von sonstigen mittelalterlichen Denkern -X „Schaddaj" sSPip ■ar-55*m ^53» W W Rückseite des Mittelblattes.