Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Eine jüdische Künstler-Familie
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 377 - 378 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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377 M. HorodiscLz: Eine jüdische Künstler-Familie. 378 ISRAEL ROUCHOMOVSKI. Szene aus der Tiara des Saitapharnes. selbst, als er wegen anderer Fälschungen hioter Schloss und Riegel gebracht wurde, machte auf die Unechtheit der Tiara aufmerksam. Trotz dieses Geständnisses verfocht unter anderen Gelehrten auch Salomon Reinach die Echtheit des griechischen Kunstwerks. Die Literatur, die der Kampf um die Tiara unter den bedeutendsten Archäologen gezeitigt hatte, zählt nach Bänden. Die Kunst, die Technik, die griechische Geschichte und Literatur mussten all die Argumente liefern, um die Echtheit oder Unechtheit des Geschenkes der Stadt Olbia an den König Saitapharnes zu beweisen. Als der Streit der Gelehrten vor das grosse Publikum getragen wurde, drang auch an einen in Paris lebenden Freund Rouchomovskis die Kunde von der Tiara, und dieser machte den Unteriichtsminister auf den Autor aufmerksam. Rouchomovski wurde nach Paris berufen, und vor den Augen einer ernannten Kommission musste der Künstler einen Teil der Tiara ausführen, die seine Urheberschaft sofort klarlegte. Die Tiara ist in drei Felder geteilt, von denen die beiden äussersten aus Gold getrieben, im griechischen Stil ornamentiert sind, das mittlere dagegen, in Silber, enthält Szenen aus Homers lliade. Die Aussöhnung Briseis' mit Achilles diente Rouchomovski als Sujet für seine bewundernswerte Arbeit. Jede Linie, jede Figur, die ganze Komposition beweisen, wie sehr der Künstler es verstand, sich in den Geist der alten Griechen zu versetzen. Weinend sitzt Briseis auf einem Felsen, hinter ihr stehen Nestor und Odysseus, sie zur Aussöhnung anregend. Etwas entfernt hält Talthybios neben Agamemnon das Versöhnungsopier bereit. Briseis lässt sich bewegen, und gefolgt von vier gefangenen Jungfrauen und einem Stallknecht, der seine feurigen Pferde kaum zurückhalten kann, führt sie Odysseus dem thronenden Achilles zu. Eine andere Szene zeigt die Leichenverbrennung des Patrokles. In zwei humoristisch modellierten Plaketten „Saitapharnes1 Ruhm und Ende" verewigte Rouchomovski die Geschichte der Tiara. Andere Arbeiten im griechischen Stil sind noch das „Collier", das „Rhyton", „Achilles und Minerva", die ebenfalls im Pariser Salon ausgestellt waren und die Bewunderung von PARIS. Künstlern und Laien erregten. Es wäre merkwürdig, wenn ein jüdischer Künstler in Russland, der fortwährend in jüdischem Milieu gelebt hat, nicht Werke vollführte, an denen die Spuren seiner Umgebung hafteten. Behaupteten doch schon die Befehder der Tiara, in den Gesichtern der griechischen Gestalten Pseudosemiten zu erkennen. Wir würden in der Tat dies besonders belonen, wenn nicht Arbeiten Rouchomovskis rein jüdischen Inhalts existierten. So manche Synagoge besitzt im Tresor ihrer Kultusgegenstände einen Thoraschild, einen Zeiget oder eine Krone, die ihre Entstehung dem Talent des jüdischen Künstlers verdanken. In ihrer Konzeption lehnt sich Rouchomovski meist an alte Formen an, jedoch besitzen wir auch Proben seiner jüdisch-dekorativen Kunst von origineller Erfindung. Seitdem Rouchomovski in Paris seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat, befleissigt er sich besonders einer Goldschmiedekunst rein jüdischen Charakters. So entstand die silberne Plakette, getrieben und graviert, die der Pariser Verein „Mewasseres Zion" Max Nordau anlässlich des auf ihn verübten Attentats überreichte. In der äussersten Ecke unten rechts ist die meuchlerische Kugel eingefasst. Im Besitze des Barons Edmond Rothschild befindet sich ein „Schaddaj", ebenfalls letztens entstanden. Es ist dies eine jüdisch-religiöse Reliquie, die man nur im katholischen Frankreich kennt und das an der Kopfseite des Bettes die Stelle eines Kruzifixes vertritt. Rouchomovski löste diese Aufgabe in bisher unbekannter Weise. Die Grundform des Schaddaj ist das Davidsschild, welches von zwei runden Platten eingeschlossen ist. Der Anfang und das Ende der iüdischen Gottesgemeinschaft sind durch zwei feinziselierte Reliefs versinnbildlicht: Moses führt die Juden