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Ost und West · 1905-06-01 · Heft 6 (Juni 1905) · p. Seite 375 - 376

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 6 (Juni 1905)
Article
Eine jüdische Künstler-Familie
Date
1905-06-01
Page
Seite 375 - 376 (sequence 2)
Language
German
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375 M. Horodischz: Eine jüdische Künstler-Familie. 376 Schaffen einen neuen Impuls, er lenkte die Aufmerksamkeit immer weiterer Kreise auf sich, und verschiedene Aufträge wurden ihm erteilt, von denen er selbst aber nur den kleinsten Teil des Erfolges erntete. Die zu solcher Berühmtheit gelangte Tiara des Saitapharnes, die nicht nur die Künstler weit, sondern auch bedeutende Archäologen in Aufregung versetzte, beweist dies zur Genüge. Der Streit um die Tiara führte ihn nach. Paris, wo er sich endgültig niederliess und im Verein mit seinen beiden Söhnen seine künstlerische Tätigkeit fortsetzt. Wenn wir die Werke Rouchomovskis kritisch betrachten, so bewundern wir vor allen Dingen eine Technik, die neben ausserordentlicher Erfassungsgabe tiefes Studium und eiserneAusdauer verrät. Es genügt, seinen Sarkophag in Augenschein zu nehmen, ein Werk, in Silber getrieben, an dem der Künstler neun Jahre gearbeitet und wofür er im Pariser Salon die goldene Medaille erhielt, um oben erwähnte Eigenschaften zur Evidenz zu erkennen. Dieses Wunderding der Miniaturarbeit ist im ganzen 10 cm lang, 3l/2 cm breit und 4 cm hoch. Die beiden Langwändchen zeigen in reich ornamentierter Umrahmung je drei Reliefbilder, die den Werdegang des Lebens veranschaulichen. In einer kleinen Kinderstube, in welcher die Sonne golden ihre Strahlen über eine Wiege ergiesst, erblicken wir die lachende Kindheit. Die Ziselierung ist mit solcher Feinheit durchgeführt, dass die sorgsam gefalteten Vorhängchen am Fenster, selbst das Tapetenmuster trotz der winzigen Dimensionen zu erkennen sind. Schnell wächst das Kind zum Knaben heran, das praktische Leben verlangt eine Vorbereitung, und im zweiten Bilde sitzt der Knabe am Arbeitstisch, fleissig studierend, über Hefte und Bücher gebeugt. Aber auch diese Periode des Lebens muss einer andern Platz machen. Der Knabe wird zum Jüngling, und in seinem Herzen reift das Gefühl der Liebe. In eine lauschige Ecke führt er seine Auserwählte, und träumerisch sich neben sie setzend, ihr tief in die Augen blickend, erzählt er von seinen Hoffnungen und Zukunftsplänen. Seine glühende Liebe muss in ihrer Seele Widerhall gefunden haben, im nächsten Bilde sehen wir sie glücklich vereint. Er ist Arbeiter. Mit wuchtigem Arm schwingt er den Hammer, und neben ihm sitzt seine Frau, ihr kleines Baby nährend. So geht das Leben zwischen Arbeit, ISRAEL ROUCHOMOVSKI. Szene aus der Tiara des Saitapharnes. PARIS. Familienfreud und -leid dahin. Die Kinder werden gross, ziehen in die Welt hinaus, und wie einst im ersten Liebesfrühling, sitzen die inzwischen alt gewordenen Eltern allein beisammen, über ihr Lebenswerk träumend. Doch die letzte : Lebensphase tritt ein, das lächelnde Kind geht seinen letzten Gang. Der Deckel des Sarkophags ist in gleichem Stile gehalten. Harmonisch in höchst dekorativer Ornamentik profiliert und zwischen lachenden und weinenden Kinderköpfchen eingefasst, zieht sich der Zug des Todes dahin. Eine endlose Menschenmasse von Männern, Frauen und Kindern aus allen Gesellschaftsklassen folgen der majestätisch dahinschreitenden Todesgestalt in das Reich der ewigen Ruhe. Im Sarkophag befindet sich ein goldnes Skelett, kaum ein Finger gross, das aus 167 Teilen besteht. Muss man nicht erstaunen über die Geduld des Künstlers, welcher die winzigsten Teilchen mit der grössten Genauigkeit und Finesse mühsam ausführte? Man betrachte nur den Schädel, die Arm- und Beinknochen, das ganze Gerippe, wie muss das alles getrieben, geschnitten, gemeisselt und ziseliert worden sein. Das ist ein Goldschmied, der seine Werke mit der Liebe mittelalterlicher Romantik vollführt, und nur ein solcher Meister konnte die Tiara des Saitapharnes schaffen. Rouchomovski lebte in Odessa, als er den Auftrag für die Tiara erhielt, die an das Musee du Louvre für 200 000 Frcs. verkauft wurde. Die Geschichte der Tiara, der der Künstler seine Weltberühmtheit verdankt, ist von besonderem Interesse. Es sei erwähnt, dass Rouchomovski nichts von der Absicht seines Auftraggebers ahnte. Der Antiquitätenhändler

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